Tierhaltung:Freiheit für den Oktopus

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Tierhaltung: Im Gegensatz zu wohl den meisten Fischen dürfte diesem Oktopus sehr bewusst sein, dass er in einem Aquarium und nicht im Meer schwimmt.

Im Gegensatz zu wohl den meisten Fischen dürfte diesem Oktopus sehr bewusst sein, dass er in einem Aquarium und nicht im Meer schwimmt.

(Foto: Markus Scholz/dpa)

Die Kraken dürfen nicht in Aquakultur gezüchtet werden. Ihre Intelligenz macht eine artgerechte Haltung unmöglich.

Kommentar von Tina Baier

Oktopusse haben ein erstaunliches Gedächtnis. Sie spielen und nehmen vorsorglich Kokosnussschalen mit, um ihren weichen, wirbellosen Körper im Notfall damit zu schützen. Vieles deutet darauf hin, dass sie ein Bewusstsein von sich selbst haben und andere Lebewesen - auch Menschen - als Individuen erkennen und sympathisch finden oder nicht.

Aus diesen und noch vielen anderen Gründen ist es ethisch äußerst fragwürdig, Oktopusse in Aquakultur zu züchten, um den menschlichen Hunger nach "Pulpo al la Gallega" und unzähligen anderen Oktopus-Gerichten zu stillen. Leider ist genau das geplant: Auf der kanarischen Insel Gran Canaria soll eine Oktopus-Farm entstehen, die schon ab dem Jahr 2023 jährlich 3000 Tonnen produzieren könnte. Offenbar ist es dem spanischen Konzern Nueva Pescanova gelungen, Oktopusse in Gefangenschaft zu vermehren. Bis jetzt war das kaum möglich, die Zucht der Tiere ist extrem schwierig - schon allein deshalb, weil die Larven nur lebende Nahrung fressen.

Den Tintenfischen ist bewusst, dass sie in einem Tank sitzen

Völlig zu Recht laufen Tierschützer Sturm gegen das Projekt. Nach allem, was man über Oktopusse weiß, ist es absolut unmöglich, diese Tiere in Aquakultur auch nur annähernd artgerecht zu halten. Es fängt schon damit an, dass sie Einzelgänger sind und in einem solchen Betrieb kein Platz sein dürfte, jedes Tier für sich zu halten. Wie man die intelligenten Kraken so tötet, dass sie möglichst wenig leiden, ist nicht bekannt. Und anders als wohl die meisten Fische, denen wahrscheinlich nicht bewusst ist, dass sie in einem Aquarium schwimmen und nicht im Meer, wissen Oktopusse vermutlich, dass sie in einem Tank sitzen. Und dass sich außerhalb des Tanks andere Lebewesen - Menschen - aufhalten.

All das wiegt schwerer als das Argument der Befürworter, die Farm auf den Kanaren werde dazu beitragen, dass weniger wildlebende Oktopusse gefangen werden. Schätzungen zufolge ziehen Fischer derzeit jährlich etwa 350 000 Tonnen aus dem Meer. Dass sie tatsächlich weniger fangen, nur weil zusätzlich Tiere aus Aquakultur auf dem Markt sind, darf bezweifelt werden.

Zudem wären die Oktopusse gesetzlich viel schlechter geschützt als beispielsweise Schweine, die ebenfalls intelligent sind und trotzdem in Massentierhaltung gezüchtet werden. In den meisten Gesetzen, die die Haltung von Farmtieren regeln, geht es nämlich ausschließlich um Wirbeltiere. Oktopusse haben aber keine Wirbelsäule - dafür ein Gehirn, das nicht nur im Kopf sitzt, sondern im ganzen Körper.

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