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Ölpest am Golf von Mexiko:Oberflächliches in der Tiefe

Warum es so schwer ist, am Meeresgrund ein Bohrloch abzudichten - und warum BP nun seine Hoffnungen auf die Zentrifugen von Hollywood-Star Kevin Costner setzt.

Wenn es früher auf der Welt irgendwo heftig brannte und man die Flammen nicht in den Griff bekam, rief man Red Adair, den legendären Feuerwehrmann aus Texas. Einen Red Adair für Tiefseebohrungen könnte BP dringend gebrauchen, doch den Helden der Bohrlöcher gibt es nicht.

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Bisher ist Kevin Costner vor allem als Filmheld und Sänger bekannt. Schafft er es als zentrifugenverkaufender Geschäftsmann nun zum Nationalhelden?

(Foto: AFP)

Seit acht Wochen nun versucht der Ölkonzern, das Loch unter der havarierten Bohrinsel Deepwater Horizon zu stopfen, mit mäßigem Erfolg. Nun hat BP unter anderen den Filmstar Kevin Costner engagiert. Er besitzt eine Firma, die Zentrifugen baut. Wie viel Öl diese Zentrifugen unschädlich machen können, ist unsicher - doch sie dürften nicht im Ansatz ausreichen, die gigantische Menge aufzufangen, die täglich aus dem Bohrloch sprudelt. Jüngste Schätzungen gehen von 35.000 bis sogar 60.000 Fass Öl aus - entsprechend von knapp sechs bis 9,5 Millionen Litern.

Wenn es auch für Pelikane und Krebse, für Fischer und Touristen besser ist, wenn das Öl nicht weiterhin den Golf verseucht, so muss BP vor allem schnell und zuverlässig dafür sorgen, das Loch dauerhaft zu stopfen. Das aber ist extrem schwierig. Bei jeder Bohrung drängt Öl mit sehr hohem Druck aus dem Boden in das Rohr. Die zähe Flüssigkeit wird normalerweise mit Hilfe einer sogenannten Bohrspülung unter Kontrolle gehalten. Im Fall des Lecks im Golf von Mexiko funktioniert dieses Gleichgewicht jedoch nicht mehr. Zusätzlich hat der "Blow Out Preventer" (BOP) seinen Dienst versagt.

Ein erster Versuch, Schlamm in das Rohr zu Pumpen und so das Öl in den Boden zu drücken (die "Top Kill"-Methode) ist gescheitert - sie hatte Fachleuten zufolge auch kaum Aussicht auf Erfolg, weil die Leitung bereits defekt war. Inzwischen versucht BP mit zwei verschiedenen Techniken, das Öl einzufangen, bevor es ins Wasser gelangt. Zum einen ist über den defekten BOP eine Kappe gestülpt worden, durch die Öl abgesaugt wird. BP zufolge gelingt es damit, derzeit täglich 15.000 Barrel abzuzapfen. Am Mittwoch allerdings hat BP eine zweite Einfangvorrichtung an dem Blow Out Preventer angebracht. Wie viel das bringt, kann die Firma noch nicht abschätzen.

Zum anderen hat BP mit zwei sogenannten Entlastungsbohrungen begonnen. Die erste befindet sich jetzt in etwa 4300 Metern Tiefe, die zweite bei knapp 3000 Metern. Zusammen sollen sie bis Ende Juni das gesamte Öl, das jetzt ausströmt, stoppen. Zuvor muss man allerdings diese Ersatzrohre an das bestehende Bohrloch anschließen - was in etwa der Aufgabe entspricht, aus vier Kilometern Höhe ein 20 Zentimeter dickes Rohr zu treffen. Erst wenn es gelingt, den Ölfluss in der havarierten Leitung mit Hilfe der Entlastungsbohrungen unter Kontrolle zu bringen, kann so weit Entwarnung gegeben werden.

"In der Tiefsee kann man nicht so schnell bohren", erklärt Matthias Reich, Professor an der Bergakademie Freiberg, warum BP über so lange Zeit so hilflos wirkt. Der Konzern mache aber zum jetzigen Zeitpunkt das Richtige, sagt der Experte für Tiefseebohrungen. Man könne das Loch nicht einfach mit einer schweren Platte oder großen Glocke abdichten, weil sonst der Druck an der Öffnung steige und die Gefahr bestehe, dass der Meeresboden aufreiße. "Das wäre das Schlimmste überhaupt", sagt Reich.

Der Geologe Jürgen Messner sieht das ähnlich. "Man kann das Öl bei dem hohen Druck an der Austrittsstelle von mehreren Hundert Bar nicht absaugen", so der Fachmann von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. Im Prinzip halten sowohl Reich als auch Messner die Technik für "beherrschbar". Dass es zur Katastrophe gekommen ist, liege nicht an prinzipiellen Problemen, sondern daran, dass BP geschlampt habe, wie jetzt auch bei Anhörungen im US-Kongress deutlich wurde. Vielleicht sollte der Konzern aber, so Reich, nicht nur Costner, sondern auch den vielen anderen Erfindern Gehör schenken, die Vorschläge machen, wie sich die Folgen der Ölpest bewältigen lassen.

© SZ vom 17.06.2010
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