Süddeutsche Zeitung

Ölkatastrophe in China:Essstäbchen und bloße Hände

Während die Welt auf den Golf von Mexiko schaut, versuchen 20.000 Fischer an Chinas Küste, eine der größten Katastrophen für Mensch und Natur abzuwehren. Mit äußerst primitiven Mitteln.

Henrik Bork, Peking

Den langsamen Tod eines Menschen erleben zu müssen, damit hatte der Fotograf Jiang He nicht gerechnet. Er war gekommen, um den Ölteppich zu fotografieren, der vor Dalian im Nordosten Chinas auf dem Meer waberte. Doch dann schoss er durch sein Teleobjektiv eine fürchterliche Bildsequenz. Der Feuerwehrmann Zhang Liang versank vor seinen Augen ganz langsam in dem stinkenden Schlick.

Bild eins: Nur noch die Köpfe von Zhang Liang und eines ebenfalls in Not geraten Kollegen schwimmen auf dem schwarzen Pech. Bild zwei: Zhang Liang geht unter, nur noch die Hälfte seines Gesichtes ist zu erkennen. Bild drei: Ein Helfer schwimmt auf die beiden zu. Nur noch Zhang Liangs rechte Hand ragt da aus dem Öl.

Die Retter können nur einen der beiden Männer in ein Boot ziehen. Zhang Liang stirbt. Seine Leiche wird später unter den Balken einer Fischfarm gefunden. "Es sah aus wie bei einem dieser Sandwich-Kekse, oben Öl, drunter Wasser, er war in der Mitte", sagte der Fischer Wang Xiaokan, der die Leiche fand. Der Feuerwehrmann war 25 Jahre alt geworden. Am Tag nach diesem 20. Juli hatte er Urlaub nehmen wollen, um zu heiraten.

Gäbe es in China eine freie Presse, so wäre dieses Foto der aus dem Öl ragenden Hand wohl das Bild des Jahres. Es symbolisiert wie kein anderes den Schrecken dieser schlimmsten Ölpest in der Geschichte der Volksrepublik. Die Katastrophe hatte am 16. Juli um 18 Uhr 20 begonnen, als zwei Pipelines der "China National Petroleum Corporation" (CNPC) explodierten.

Kurz vorher war ein Tanker mit 300.000 Tonnen Öl an Bord unsachgemäß entladen worden, heißt es in einem Untersuchungsbericht der Staatlichen Behörde für Arbeitssicherheit. Doch in China gibt es keine Pressefreiheit, und solche Fotos dürfen nicht gedruckt werden.

Die Behörden versuchen bis jetzt, das wahre Ausmaß der Katastrophe zu vertuschen. Die Weltöffentlichkeit war ohnehin mit der Ölpest im Golf von Mexiko beschäftigt. Erst jetzt, da Greenpeace eigene Schätzungen veröffentlicht hat, wird die wahre Dimension dieser Umweltkatastrophe im Ausland bekannt.

Von nur 1500 Tonnen Öl, die nach einer Explosion ins Meer geflossen seien, hatten Chinas Offizielle in den ersten Tagen gesprochen. Dann verstummten die Schätzungen völlig.

In Wirklichkeit seien aber 60.000 bis 90.000 Tonnen ins Gelbe Meer geflossen, sagt der US-Ökologe Richard Steiner, der für Greenpeace vor Ort war. "Es ist enorm. Das ist mindestens so groß wie die offiziellen Schätzungen nach dem Untergang des Tankers Exxon Valdez 1989 vor der Küste Alaskas, wenn nicht größer", sagt Steiner. In Alaska war offiziell von 36.000 Tonnen Öl die Rede, die ins Meer flossen, im Golf von Mexiko sollen es 480.000 bis 560.000 Tonnen gewesen sein.

Während im Golf von Mexiko unvergleichbar mehr Öl ausgelaufen ist als in Dalian, ist die Katastrophe in China viel näher an der Küste passiert. Der Dreck gelangte sofort an das Ufer. Eine große, bisher unbekannte Zahl von Sandstränden und Fischfarmen in der Bucht von Dalian sind verseucht. Greenpeace schätzt, dass eine Fläche von mehr als 1000 Quadratkilometern betroffen ist.

"Das Züchten von Fischen, Seegurken, Schnecken und anderen Meeresfrüchten ist ein wesentlicher Pfeiler der örtlichen Wirtschaft", sagt Yang Ailun von Greenpeace in China, die gerade aus Dalian zurückgekommen ist. "Nicht nur ist die Ernte dieses Jahres zerstört: Die Ängste der Verbraucher vor möglicherweise verseuchten Produkten werden diesen Industriezweig noch lange beeinträchtigen. Und die Regierung sagt immer noch, der Schaden sei nicht sehr groß."

Zum Bekämpfen der Ölpest hat die Regierung mehr als 20.000 Fischer angeheuert, die mit ihren eigenen Booten hinausfahren und das Öl abschöpfen. Sie verfügen allerdings weder über eine spezielle Ausrüstung, noch haben sie irgendwelche Instruktionen erhalten.

Auf den Bildern des Fotografen Jiang He, der seinen wahren Namen aus Angst vor Repressalien nicht gedruckt sehen will, sind Männer mit ölverschmierten Oberkörpern zu sehen, die mit Eimern, Schalen oder gar mit bloßen Händen das Öl aus dem Meer holen. "Selbst mit Essstäbchen fischen sie Bastmatten aus dem Meer, die sich mit Öl vollgesaugt haben", sagt Yang.

Die Regierung habe zwar auch "266 Ölauffangschiffe" im Einsatz, berichtet zumindest die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Doch die meiste Arbeit wird von den Fischern verrichtet. Für diese selbst für chinesische Verhältnisse technologiefreie Form der Katastrophenabwehr haben Experten nur Spott übrig. "Leben wir wirklich im Jahr 2010?", fragt etwa Zhao Zhangyuan, ein pensionierter Forscher der chinesischen Akademie für Umweltwissenschaften. "Wenn sie uns jede Ölpest mit den bloßen Händen aus dem Meer holen lassen, dann ist das eine äußerst originelle und rückständige Methode."

Die Umweltschützer von Greenpeace sahen einen Fischer, der von den giftigen Dämpfen des Öls ohnmächtig wurde und umfiel. Vereinzelte Medien kritisieren den riesigen staatlichen Ölkonzern CNPC, weil er den Fischern weder Handschuhe noch Schutzanzüge oder Atemmasken zur Verfügung gestellt hat. "Die Gesundheit dieser Menschen wird leiden. Hautreizungen, chronische Krankheiten und Krebs sind so gut wie unvermeidbar", sagt Zhao Zhangyuan.

Doch die Menschen haben kaum eine andere Wahl, denn sie müssen schon bald wieder vom Fischfang leben. Einige haben freilich auch einen finanziellen Anreiz entdeckt: Ein voller 120-Kilo-Tank mit aus dem Meer geborgenem Öl wird derzeit auf dem Schwarzmarkt von Dalian für 300 Yuan (etwa 34 Euro) verkauft.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.982632
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 02.08.2010/mcs
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.