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Ölkatastrophe in China:Essstäbchen und bloße Hände

Während die Welt auf den Golf von Mexiko schaut, versuchen 20.000 Fischer an Chinas Küste, eine der größten Katastrophen für Mensch und Natur abzuwehren. Mit äußerst primitiven Mitteln.

Den langsamen Tod eines Menschen erleben zu müssen, damit hatte der Fotograf Jiang He nicht gerechnet. Er war gekommen, um den Ölteppich zu fotografieren, der vor Dalian im Nordosten Chinas auf dem Meer waberte. Doch dann schoss er durch sein Teleobjektiv eine fürchterliche Bildsequenz. Der Feuerwehrmann Zhang Liang versank vor seinen Augen ganz langsam in dem stinkenden Schlick.

Öl-Pest im Nordosten Chinas - Rettungsaktion

Bei dem Versuch, unter Wasser eine Pumpe abzustellen, geraten zwei Feuerwehrmänner an der Küste von Dalian im Ölschlamm in Todesgefahr. Die Retter können nur einen der beiden Männer in ein Boot ziehen. Der zweite versinkt und stirbt.

(Foto: dpa)

Bild eins: Nur noch die Köpfe von Zhang Liang und eines ebenfalls in Not geraten Kollegen schwimmen auf dem schwarzen Pech. Bild zwei: Zhang Liang geht unter, nur noch die Hälfte seines Gesichtes ist zu erkennen. Bild drei: Ein Helfer schwimmt auf die beiden zu. Nur noch Zhang Liangs rechte Hand ragt da aus dem Öl.

Die Retter können nur einen der beiden Männer in ein Boot ziehen. Zhang Liang stirbt. Seine Leiche wird später unter den Balken einer Fischfarm gefunden. "Es sah aus wie bei einem dieser Sandwich-Kekse, oben Öl, drunter Wasser, er war in der Mitte", sagte der Fischer Wang Xiaokan, der die Leiche fand. Der Feuerwehrmann war 25 Jahre alt geworden. Am Tag nach diesem 20. Juli hatte er Urlaub nehmen wollen, um zu heiraten.

Gäbe es in China eine freie Presse, so wäre dieses Foto der aus dem Öl ragenden Hand wohl das Bild des Jahres. Es symbolisiert wie kein anderes den Schrecken dieser schlimmsten Ölpest in der Geschichte der Volksrepublik. Die Katastrophe hatte am 16. Juli um 18 Uhr 20 begonnen, als zwei Pipelines der "China National Petroleum Corporation" (CNPC) explodierten.

Kurz vorher war ein Tanker mit 300.000 Tonnen Öl an Bord unsachgemäß entladen worden, heißt es in einem Untersuchungsbericht der Staatlichen Behörde für Arbeitssicherheit. Doch in China gibt es keine Pressefreiheit, und solche Fotos dürfen nicht gedruckt werden.

Die Behörden versuchen bis jetzt, das wahre Ausmaß der Katastrophe zu vertuschen. Die Weltöffentlichkeit war ohnehin mit der Ölpest im Golf von Mexiko beschäftigt. Erst jetzt, da Greenpeace eigene Schätzungen veröffentlicht hat, wird die wahre Dimension dieser Umweltkatastrophe im Ausland bekannt.

Von nur 1500 Tonnen Öl, die nach einer Explosion ins Meer geflossen seien, hatten Chinas Offizielle in den ersten Tagen gesprochen. Dann verstummten die Schätzungen völlig.

In Wirklichkeit seien aber 60.000 bis 90.000 Tonnen ins Gelbe Meer geflossen, sagt der US-Ökologe Richard Steiner, der für Greenpeace vor Ort war. "Es ist enorm. Das ist mindestens so groß wie die offiziellen Schätzungen nach dem Untergang des Tankers Exxon Valdez 1989 vor der Küste Alaskas, wenn nicht größer", sagt Steiner. In Alaska war offiziell von 36.000 Tonnen Öl die Rede, die ins Meer flossen, im Golf von Mexiko sollen es 480.000 bis 560.000 Tonnen gewesen sein.

Während im Golf von Mexiko unvergleichbar mehr Öl ausgelaufen ist als in Dalian, ist die Katastrophe in China viel näher an der Küste passiert. Der Dreck gelangte sofort an das Ufer. Eine große, bisher unbekannte Zahl von Sandstränden und Fischfarmen in der Bucht von Dalian sind verseucht. Greenpeace schätzt, dass eine Fläche von mehr als 1000 Quadratkilometern betroffen ist.

"Das Züchten von Fischen, Seegurken, Schnecken und anderen Meeresfrüchten ist ein wesentlicher Pfeiler der örtlichen Wirtschaft", sagt Yang Ailun von Greenpeace in China, die gerade aus Dalian zurückgekommen ist. "Nicht nur ist die Ernte dieses Jahres zerstört: Die Ängste der Verbraucher vor möglicherweise verseuchten Produkten werden diesen Industriezweig noch lange beeinträchtigen. Und die Regierung sagt immer noch, der Schaden sei nicht sehr groß."

Zum Bekämpfen der Ölpest hat die Regierung mehr als 20.000 Fischer angeheuert, die mit ihren eigenen Booten hinausfahren und das Öl abschöpfen. Sie verfügen allerdings weder über eine spezielle Ausrüstung, noch haben sie irgendwelche Instruktionen erhalten.

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