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Ölkatastrophe im Golf von Mexiko:Tödliche Schwaden

Im Golf von Mexiko verteilt sich das ausströmende Öl auf eine neue Weise. Während es sonst auf der Wasseroberfläche schwimmt, haben sich hier Ölschwaden unter Wasser gebildet. Das gesamte Leben im Meer ist bedroht.

Es ist, als ob die Physik im Golf von Mexiko gerade Pause macht. Viele Millionen Liter Erdöl sind dort in 1,5 Kilometern Tiefe ins Wasser geflossen, seit der Ölkonzern BP die Kontrolle über seine Bohrung im Macondo-Feld verloren hat.

Gulf Coast Struggles With Oil Spill And Its Economic Costs

"Chocolate mousse", also Schokoladenpudding, nennen Experten die braune Creme, in die sich ausgetretenes Rohöl im Meerwasser nach einiger Zeit verwandelt. Sie schwappt seit Tagen zwischen den Wurzeln der Pflanzen an der ökologisch sensiblen Golfküste von Louisiana.

(Foto: afp)

"Nach allen Gesetzen der Physik muss das Öl nach oben steigen", sagt Edward Overton, Umweltchemiker von der Louisiana State University im Magazin Science. Das hat es im Meer vor Louisiana zwar getan, Satelliten zeigen schließlich Bilder von dem Ölteppich.

Aber es ist viel zu wenig oben angekommen, darum fragen sich viele amerikanische Forscher und Medien, wo der Großteil des Öls bleibt, warum sein Aufstieg verzögert wurde.

Beim Kampf gegen die Verschmutzung habe sich "eine neue und alarmierende Front" aufgetan, sagt Jeffrey Short von der Umweltorganisation Oceana, der als Chemiker bei der amerikanischen Meeres- und Wetterbehörde NOAA 1989 schon die Folgen des Exxon-Valdez-Unglücks in Alaska untersucht hatte.

Damals und bei allen bisherigen Fällen von Ölverschmutzung hatten darunter vor allem die Oberfläche und die Küste zu leiden. Diesmal sei aber auch die wissenschaftliche Gemeinde überrascht worden, sagt Short: Offenbar haben sich gewaltige Schwaden von Öl unter der Oberfläche gebildet.

"Es könnte also große Folgen für die Lebensgemeinschaften mitten im Wasser und auf dem Meeresgrund geben", warnt Short.

Noch wissen die Forscher nicht genau, wie die schwebenden Ölwolken entstanden sind. Dazu könnten die Bindemittel beigetragen haben, die BP und Küstenwache über und unter Wasser versprüht haben. Die Chemikalien sollten das Öl umschließen und versinken lassen.

Offenbar haben aber natürliche Prozesse dazu beigetragen, dass sich in der Tiefsee winzige Öltröpfchen bildeten, die aufgrund ihrer Oberflächenbeschaffenheit dem Auftrieb widerstehen. Edward Overton hat das unter großem Druck ausströmende Erdgas in Verdacht: "Es könnte das Öl in kleine Partikel zerstäubt haben."

Auf der Suche nach den Ölwolken unter Wasser fährt Samantha Joye von der University of Georgia seit Tagen auf dem Golf herum. Von Bord des Motorschiffs Walton Smith nimmt sie Proben, um die Eigenschaften des schwebenden Ölfilms zu bestimmen.

Die Schwaden verändern ihre Form ständig, berichtet sie in ihrem Blog. Bisher war das Öl meist so stark verdünnt, dass man mehrere Gallonen (zu jeweils etwa vier Litern) Meerwasser durch einen Filter gießen musste, um ein paar Tröpfchen davon zu sehen.

Am vergangenen Sonntag aber schrieb Joye: "Das hat sich heute geändert, wir haben das Öl im tiefen Wasser gesehen." Auch ihre Messgeräte zeigten extrem hohe Werte.

"Wir vermuten, dass es sich hier um einen jungen Schwaden handelt. Die Mikroorganismen hatten noch keine Zeit, das Öl zu verdauen." Darum war auch der Sauerstoffgehalt des Wassers dort nicht stark reduziert.

"Wir wissen noch nicht, ob das zu einem großen Problem wird"

Das nämlich ist die größte Sorge der Meeresforscher: Wenn Bakterien das in kleine Tröpfchen zerschlagene Öl als Futterquelle entdecken, verzehren sie es unter Verbrauch von Sauerstoff. Für die anderen Bewohner des Meeres ist das gefährlich, sie könnten ersticken.

"Wir wissen noch nicht, ob das zu einem großen Problem wird", so Joye. "Der Sauerstoffgehalt ist erniedrigt, aber noch nicht auf gefährlich niedrigem Niveau. Wenn er unter zwei Milligramm pro Liter fällt, fliehen die Tiere, die es noch können."

Kommen dabei aber viele Meeresbewohner um, fürchtet Jeffrey Short, verstärkt sich der Effekt. "Ihre Körper sinken zu Boden, wo der Abbau durch Bakterien den Sauerstoffverlust noch verstärkt."

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