Golf von Mexiko Zehntausende Liter Öl sickern täglich unbemerkt ins Meer

Im Golf von Mexiko stehen etliche Öl-Plattformen. Das Leck bei Taylor Energy wurde lange verschwiegen.

(Foto: REUTERS)
  • Vor 14 Jahren kenterte eine Bohrplattform im Golf von Mexiko. Seither tritt dort Rohöl aus.
  • Mehr als 100 Millionen Liter Öl könnten nach neueren Schätzungen bereits ins Meer gelangt sein.
  • Die Betreiberfirma Taylor Energy hat das Leck lange verschwiegen und später bagatellisiert.
Von Johannes Kuhn, Austin

Manchmal ist der amerikanischen Golfküste anzusehen, dass etwas nicht mit ihr stimmt: Unerfahrene Badeurlauber in Texas wundern sich regelmäßig, warum angespülte Teerklumpen Handtücher und Schuhe ruinieren. Wer im aufgeschütteten Sand von Gulfport, Mississippi, buddelt, findet schnell die schmierigen Reste der Deepwater Horizon-Katastrophe von 2010. An Floridas Westküste hat eine Rotalgen-Plage das Meer zu einem riesigen Tierfriedhof gemacht, Verschmutzung gilt als wahrscheinlichste Ursache.

Weitgehend unbemerkt blieb dagegen ein anderer Schaden: 2004 ließen die 30 Meter hohen Wellen des Hurrikans Ivan eine Ölplattform der Firma Taylor Energy kentern. Seither tritt dort - rund 20 Kilometer von der Mündung des Mississippi in Louisiana entfernt - Öl aus.

Tag für Tag quellen zwischen 48 000 und 110 000 Liter Rohöl in das Meer, schätzt die Washington Post. Das ist mehr als doppelt so viel Öl wie im Nordosten des Golfs von Mexiko aus natürlichen Quellen austritt. Aus ihnen sickern täglich zwischen 2400 und 24 000 Liter Öl in das Wasser.

Insgesamt könnten so bereits über 100 Millionen Liter Rohöl aus der gekenterten Plattform gelaufen sein. Damit hat die stille Katastrophe noch nicht die Ausmaße des Deepwater Horizon-Unglücks. Damals dürften etwa 800 Millionen Liter Öl ausgetreten sein. Doch welche Auswirkungen das seit 14 Jahren quellende Öl für das Leben in der See hat, ist unbekannt. Die zuständige Ozean-Behörde NOAA hat gerade erst eine Analyse der Umweltfolgen begonnen.

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Beunruhigend an dem aktuellen Leck ist auch, dass es so lange im Verborgenen blieb. Der Betreiber Taylor Energy hatte es bis 2010 vor der Öffentlichkeit geheim halten können. Erst nachdem gut zehn Kilometer entfernt die Bohrplattform Deepwater Horizon explodierte, waren Umweltschützer bei der Untersuchung des Schadens auf den Ölteppich der Taylor Energy-Plattform gestoßen.

Die Firma hatte die austretende Menge als gering angegeben und im Hintergrund immer wieder Lobbyarbeit dafür gemacht, die Angelegenheit für abgeschlossen zu erklären. 2016 klagte sie gegen die US-Regierung, die sie zwischenzeiglich verpflichtet hatte, 666 Millionen US-Dollar für Säuberungsarbeiten in einem Fonds vorzuhalten. 432 Millionen US-Dollar sind noch nicht ausgegeben; Taylor Energy will sie zurückhaben.

Am Fall von Taylor Energy zeigen sich auch die engen Verbindungen zwischen dem Golfküstenstaat Louisiana und der Ölindustrie. Geschäftsführerin der in New Orleans ansässigen Firma ist Phyllis Taylor, Witwe des 2004 verstorbenen Gründers. Die Taylors machten sich über Jahrzehnte einen Namen als Mäzene, die Familienstiftung hat seit ihrer Gründung 200 000 Universitäts-Stipendien an sozial benachteiligte Studienanfänger vergeben. Taylor sitzt zudem in mehr als zwei Dutzend Beiräten von Stiftungen und Wohltätigkeitsorganisationen Louisianas.

Öl- und Chemiefirmen unterstützen in Louisiana viele Programme, die der chronisch klamme und korrupte US-Bundesstaat selbst nicht zahlen kann. Zugleich haben sie kaum Probleme zu befürchten. Das konservative Louisiana ist, ebenso wie das benachbarte Texas, wo die meisten Ölfirmen ihren Sitz haben, stets auf der Seite der Branche, die in Louisiana Politiker beider Parteien mit Wahlkampfspenden unterstützen.

Argumente für stärkere Regulierung, die nach einem der regelmäßigen Chemieunfälle am Industrieufer des Mississippi oder einem Ölskandal auftauchen, werden unter Verweis auf gefährdete Arbeitsplätze und unterwünschte Regierungseinmischung weitestgehend ignoriert.

Die Taylor-Familie allein spendete seit 1990 über eine Million US-Dollar an Politiker. Zu den Unterstützern von Taylor Energy im Konflikt mit der US-Regierung um den Bohrinsel-Fonds gehörten Bill Cassidy, der heute den Bundesstaat als Senator in Washington vertritt, sowie Steve Scalise, der im kommenden Jahr Nachfolger des republikanischen Speakers Paul Ryan im US-Reprasentantenhaus werden soll. US-Präsident Donald Trump überlegt derweil, zahlreiche neue Küstengebiete für Bohrungen freizugeben, darunter die Atlantik- und Golfküste Floridas. Zugleich hat die US-Regierung viele Regulierungen für Öl- und Gasbohrungen aufgehoben, darunter die nach der Deepwater Horizon-Katastrophe erlassenen Umwelt- und Sicherheitsstandards. Die Regulierung der Ölbohrungen soll nun stärker in die Hände der Bundesstaaten wandern.

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