Ökologischer Städtebau Beete, die in den Himmel wachsen

Die hängenden Gärten der Welt

Der französische Künstler Patrick Blanc bepflanzt Hauswände in aller Welt. Hier sind einige seiner Projekte. mehr...

Von Paris bis Kuala Lumpur werden mittlerweile Hausfassaden bepflanzt. Diese hängenden Gärten sehen schön aus und dämmen gut - doch lohnen sie sich auch finanziell?

Von natur-Autor Holger Fröhlich

Bis zu 3,5 Millionen Menschen sterben einer Studie der Vereinten Nationen zufolge jedes Jahr vorzeitig an den Folgen der Luftverschmutzung. Besonders belastet ist die Luft in Großstädten, wo sich berufstäglich Hunderttausende Autos stauen und der natürliche Luftaustausch durch architektonische Barrieren stark eingeschränkt ist. Mit der Einwohnerzahl steigt zudem oft auch die Temperatur einer Stadt, da sich die großflächigen Teer- und Betonflächen im Sonnenlicht stärker aufheizen - und die Wärme länger speichern - als Holz und Gras. Um dem Schmutz- und Hitzeproblem entgegenzutreten, suchen Städteplaner und Wissenschaftler aller Branchen nach Antworten. Eine naheliegende lautet natürlich: Frischluft da erzeugen, wo sie gebraucht wird. Im Herzen der Stadt.

Wie das funktionieren kann, auch wenn kein Platz für einen Park ist, ist in Österreich zu besichtigen. Ausgerechnet am Wiener Abfallamt ist ein Vorzeigeprojekt der Fassadenbegrünung herangewachsen. Eingezwängt von einer vierspurigen Bundesstraße und mächtigen Wohnklötzen mit Balkonen, die neben der Satellitenschüssel kein Grünzeug dulden, blühen dort die Steinnelken. Und nicht nur die: 17 000 Kräuter, Stauden und Gräser haben die Fassade des Verwaltungsgebäudes in eine sechsstöckige Almwiese verwandelt. Selbst im November tänzeln hier noch die Schmetterlinge vor den Fenstern, summen die Sonnenkäfer und stöbern die Bienen in den bunten Blütenkelchen. Im Sommer sind die Beamten hinter den Fenstern zwischen Grasnelken, Lavendel und Thymian kaum mehr zu erkennen.

So schön sie anzusehen ist, die grüne Wand ist mehr als bloße Stadtteilverschönerung. Im Winter soll sie das Haus vor Kälte und übermäßig hohen Heizkosten bewahren, im Sommer kühlen wie der Schatten einer 100-jährigen Linde. Zudem soll sie die Fassade schützen, Lärm fernhalten, Feinstaub filtern und dabei Sauerstoff erzeugen. Kurz: Geld sparen und das Klima retten. Eine Win-win-Situation auf 850 Quadratmetern.

Aus natur 08/2016

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  • natur 08/2016

    Der Text stammt aus der August-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation. Mehr aktuelle Themen aus dem Heft 08/2016 auf natur.de...

Die Idee klingt sehr vielversprechend. Trotzdem war sie in dieser Größe bis vor kurzem noch reine Theorie; es fehlten Vorbilder, Vergleichsobjekte und Langzeitstudien. Dass sich das Abfallamt heute trotzdem von der abgasgrauen Tristesse am Rande des fünften Bezirks abhebt, ist ihrem Baureferatsleiter Karl Schwaiger zu verdanken. Als die Fassade des Nachkriegsbaus zu bröckeln drohte, entschied er sich im Januar 2010, trotz der Unsicherheiten, für die grüne Fassade. Weil er sich als "Öko" sieht, wie er sagt, und weil ihn das System schlicht fasziniert.

Für 400 000 Euro ließ Schwaiger die mächtige Häuserfront mit Tausenden Pflanzentrögen behängen - und erhöhte den Grünflächenanteil des gesamten Bezirks damit um fast ein Prozent. Eine konventionelle Sanierung des ungedämmten Ziegelbaus wäre nur unwesentlich billiger gewesen. Dicht und grün liegt die neue Fassade heute über der alten. Karl Schwaiger hätte Anlass zum Triumph. Doch er ist nicht der Typ, der seine Begeisterung offen zur Schau trägt. Er sagt nur: "Wir wollten zeigen, dass es funktioniert. Und jetzt funktioniert's."

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Wie gut, das zeigen Messungen der Universität für Bodenkultur Wien. Im Hochsommer sind die Räume des Abfallamtes rund 15 Grad kühler als die der Nachbarschaft - eine Leistung, für die 50 Klimaanlagen acht Stunden am Tag auf Hochtouren laufen müssten. Im Winter dagegen mindert die Pflanzenwand den Wärmeverlust des Hauses um die Hälfte. Wie viel Geld das spart, lässt sich nicht sagen, da das Amt bis zur Sanierung keinen eigenen Gaszähler hatte und niemand den alten Verbrauch kennt. Die Winterdämmung entspricht jedenfalls einem zwei Zentimeter dicken Vollwärmeschutz, erklärt Schwaiger. Das Luftpolster des handbreiten Spalts zwischen Mauerwerk und Pflanzen wärmt das Gebäude wie eine Daunenjacke.

Gunter Mann vom Fachverband für Bauwerksbegrünung (FBB) in Saarbrücken freut sich über das neu aufkeimende Interesse an den grünen Wänden. Seit 26 Jahren wirbt er mit seinem Verband für eine bessere Zusammenarbeit von Natur und Architektur - doch lange Jahre beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit. "Bei einer grünen Hauswand dachten die meisten Leute an Ungeziefer, Undichtigkeit und Sanierungskosten", sagt der promovierte Biologe. Dass es diese Probleme bei einem fachgerechten Umbau nicht gebe, sei lange Zeit schwer zu vermitteln gewesen.

Doch dann kamen, vor allem durch die Arbeiten des französischen Botanikers Patrick Blanc, die Pflanzenwände in Mode - und plötzlich interessierten sich alle für lebende Hauswände. Blanc, der sich eines Patentes aus dem Jahr 1938 bediente, wurde bekannt durch seine vertikalen Beete, die - ohne Kontakt zum Erdreich - über Zeitschaltuhren und Bewässerungsrohre ernährt werden. Sein berühmtestes Begrünungswerk dürfte das Pariser Musée du Quai Branly unweit des Eiffelturms sein.