Spanien:Rätsel um blutrotes Wasser gelöst

In der spanischen Provinz Zamora klagten Anwohner über verfärbtes Trinkwasser. Nun präsentieren Forscher eine Erklärung.

Von Andrea Hoferichter

Die Bewohner der spanischen Provinz Zamora waren tief besorgt, als sie im Herbst des Jahres 2014 blutrotes Wasser in vielen Brunnen und Waschbecken entdeckten. Viele Anwohner befürchteten, ein Flugzeug könnte Gift versprüht haben. Manche machten sogar eine biblische Plage verantwortlich. Wissenschaftler der nahe gelegenen Universität Salamanca haben nun die Ursache für das rote Wasser aufgespürt - und können Entwarnung geben.

Demnach wurde das Phänomen von harmlosen Mikroalgen der Art Haematococcus pluvialis ausgelöst, die sich unter Stress rot färben können. In die spanischen Brunnen sind sie wohl durch einen Regenguss gelangt. Möglicherweise stammten die Mikroalgen aus Nordamerika, wie das Team um Javier Fernández-Lozano im Fachblatt Spanish Royal Society of Natural History berichtet. "Die Algen sind eigentlich grün", sagt Fernández-Lozano. "Wenn sie aber direktem Sonnenlicht ausgesetzt sind, oder Nährstoffe knapp werden, produzieren sie das rote Karotinoid Astaxanthin." Dieser Farbstoff schütze vor Molekülen, die Organismen schaden können, sogenannten Sauerstoffradikalen. Sie entstehen durch Sonneneinstrahlung.

Die Algen haben vermutlich eine große Strecke zurückgelegt, ehe sie vom Himmel regneten

In der Natur ist Astaxanthin für die rötliche Farbe von Lachsen, Shrimps und Flamingos verantwortlich. Betreiber von Fischfarmen nutzen die Substanz als rot färbenden Futterzusatz. Längst wird sie auch künstlich hergestellt. Wegen der schützenden Wirkung wird Astaxanthin auch manchen Nahrungsergänzungsmitteln zugesetzt. Das steigere Ausdauer und Leistungsfähigkeit und halte jung, versprechen die Hersteller.

Ulrike Schmid-Staiger vom Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart hält es für plausibel, dass die Mikroalgen aus ausgetrockneten Gewässern als Staub mit dem Wind verweht werden - und irgendwo anders mit dem Regen wieder auf dem Boden landen. Dabei traut sie ihnen auch längere Reisen zu. "Haematococcus-Pluvialis-Algen sind wahre Überlebenskünstler und können selbst unter extrem ungünstigen Bedingungen bis zu sieben Jahre unbeschadet überstehen", sagt sie. Unter Stress produzieren die Mikroalgen nicht nur den Sonnenschutz Astaxanthin. Auch die Zellwand wird dicker. Das bewahrt die Algen vor dem Austrocknen. Und weil die Mikroben mit dem Farbwechsel zugleich die Photosynthese einstellen, leben sie in einer Art Energiesparmodus wie Igel im Winterschlaf.

Woher die Algen kamen, die in Zamora niederregneten, konnte die spanische Studie nicht abschließend klären. "Sicher ist, dass die Mikroben nicht aus nahegelegenen Seen oder Talsperren stammen", sagt Fernández-Lozano. Das zeigten Wasseranalysen von Seen und Staudämmen in einem Umkreis von etwa 100 Kilometern. Andere mögliche Quellen lägen in Großbritannien und Nordamerika. Den Wetter- und Strömungsdaten zufolge, die das Team analysiert hat, ist wahrscheinlicher, dass sie aus Nordamerika stammen.

Dass Wassermikroben, die ihre Farbe verändern, solche Interkontinentalreisen schadlos überstehen könnten, ist auch das Ergebnis einer indisch-österreichischen Studie, die Anfang des Jahres im Fachblatt Phylogenetics and Evolutionary Biology erschien. Demnach sind Mikroalgen der Art Trentepohlia annulata, die 2012 einen roten Regen im indischen Bundesstaat Kerala verursacht haben sollen, wahrscheinlich aus Europa eingewandert. Schlagzeilenträchtige Theorien, denen zufolge außerirdische Organismen aus einer fernen Galaxie an einem früheren "Blutregen" in der gleichen Region schuld waren, konnten Wissenschaftler hingegen bisher nicht bestätigen.

© SZ vom 24.11.2015
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