Ökologie Wie wirkt sich der Verlust der Nacht auf die Menschen aus?

Straßen und andere Lichtkorridore können aber auch Barrieren bilden und so den Austausch zwischen verschiedenen Lebensräumen behindern. Eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift Nature kommt zudem zum Schluss, dass aufgrund der künstlichen Beleuchtung sogenannte Nachtbestäuber seltener auftreten und dass sie ihrer Arbeit weniger effizient nachgehen - mit womöglich gravierenden Folgen für Pflanzen, die auf die Bestäubung durch solche Insekten angewiesen sind. Bäume neben Straßenlaternen behalten ihr Laub hingegen länger als normal und bereiten sich - angesichts der vermeintlich kürzeren Nächte - später auf den Winter vor. Mitunter zu spät.

Sogar Mikroorganismen bleiben vom nächtlichen Licht nicht unbeeindruckt: Gemeinsam mit Kollegen hat Hölker Sedimente aus Gewässern, die unter anderem Kieselalgen, Cyanobakterien und andere Ein- sowie Mehrzeller enthalten, im Labor heller Straßenbeleuchtung ausgesetzt. Nach einem Jahr begannen die Mikroorganismen, Photosynthese zu betreiben - die Energieversorgung lichtliebender Pflanzen. "So etwas hat es in der ganzen Evolutionsgeschichte noch nicht gegeben", sagt Hölker.

Weit weniger klar ist, wie sich der Verlust der Nacht auf die Menschen auswirkt. Zwar gibt es Studien, die einen Zusammenhang zwischen beleuchteten Gebieten und vermehrten Fällen von Prostata- und Brustkrebs zeigen, ein kausaler Zusammenhang lässt sich damit aber nicht beweisen. Womöglich ist das Licht auch nur eine Begleiterscheinung des Stadtlebens mit all seinen negativen Auswirkungen auf den menschlichen Körper.

Gesichert scheint hingegen zu sein, dass das kalte, bläulich-weiße Licht der LEDs die innere Uhr des Körpers verstärkt durcheinanderbringt, da es von empfindlichen Zellen auf der Netzhaut als Tagessignal wahrgenommen wird. Schätzungen des US-Ärzteverbands American Medical Association zufolge, fällt der störende Effekt bei LEDs fünfmal so stark aus als bei gelblichen Leuchten.

Bisher werden Straßen vor allem beleuchtet, damit die Straßen beleuchtet sind - wie unsinnig

Verteufeln wollen Hölker und Kyba die Leuchtdioden dennoch nicht. "LEDs bieten unglaublich viele Möglichkeiten, um neue Ideen mit Licht zu entwickeln", sagt Christopher Kyba. Bislang diene Straßenbeleuchtung aber vor allem einem Zweck: Straßen zu beleuchten.

"Straßen brauchen allerdings kein Licht, es sind Fußgänger und Radfahrer, die auf Beleuchtung angewiesen sind", meint Kyba. Daher reiche es, Parkplätze, Kreuzungen und ähnliche Gefahrenstellen auszuleuchten, sich ansonsten aber auf Fuß- und Radwege zu konzentrieren. Und auch das nur bei Bedarf, vor allem aber nicht so hell wie bisher.

Genau hierfür scheinen LEDs die ideale Lösung zu sein: Die neuen Leuchtmittel lassen sich exakt ausrichten, sie lassen sich dimmen, sie können jederzeit eingeschaltet werden, ohne sich lange aufwärmen zu müssen - ganz anders als die alten Natriumdampflampen. "Leuchtdioden sind durchaus eine Technologie mit hohem Potenzial", sagt Franz Hölker. "Man muss sie nur richtig anwenden."

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