Süddeutsche Zeitung

Ökologie:Die Umwelt braucht das Raubtier

Überall in der Natur hat der Mensch die großen Raubtiere gejagt, verdrängt oder sogar ausgerottet. Doch die Bedeutung der Räuber auf einen Lebensraum werden unterschätzt. Wo Hai, Wolf oder Löwe fehlen, leidet das ganze Ökosystem.

Was mit einem Lebensraum passiert, wenn seine Bewohner an der Spitze der Nahrungskette verschwunden sind, lässt sich gut auf der schottischen Insel Rùm besichtigen. Vor 500 Jahren wuchsen dort dichte Wälder, Wölfe fanden reiche Beute.

Dann kam der Mensch und rottete den Wolf aus. Mit ihm verschwanden nach und nach die Wälder, heute ist Rùm eine Graslandschaft.

Als "Niedergang der Nahrungskette" bezeichnen Wissenschaftler um James Estes von der University of California die Ereignisse auf der schottischen Insel und fordern, die Einflüsse von Raubtieren auf einen Lebensraum nicht länger zu unterschätzen.

Als der Wolf ausstarb, konnten sich seine Beutetiere, die Rehe, unbegrenzt vermehren und junge Bäume fressen. Die alten Bäume starben im Lauf der Zeit, ohne dass neue nachgewachsen waren.

"Wir bemerken die Einflüsse großer Jäger meist erst, wenn sie für ein Ökosystem verloren sind", schreibt das 24-köpfige internationale Forscherteam um Estes in einem Aufsatz im Fachmagazin Science (Bd.333, S.301, 2011). Dann aber ließe sich die Kontrolle, die die Tiere ausgeübt hätten, nicht wieder herstellen.

Der Rückgang von Leopard und Löwe in Afrika etwa habe Pavianen geholfen, sich explosionsartig zu vermehren; die Affen leben seitdem dichter zusammen und werden öfter krank. Weil sie ihre Nahrung gleichzeitig näher beim Menschen suchen, stecken sie ihn mit an.

Auch die Häufigkeit von Malaria in der Nähe von Seen steige, wenn keine Raubfische darin jagen, weil dies dem Überleben der Moskitolarven hilft.

Die "Top-Down" Kontrolle der Jäger ziehe sich durch das ganze Ökosystem, schreiben die Forscher: Werden tropische Raubfische wie Haie zu sehr gejagt, verschwinden mit ihnen über mehrere Zwischenstufen auch Korallen und Riffe. In Seen regulieren Raubfische die Planktonbestände und somit auch die Wasserqualität.

"Der Verlust der Tiere an der Spitze der Nahrungskette könnte deshalb der stärkste Einfluss des Menschen auf die Natur sein", folgern die Autoren. Damit stellen sie die Ansicht infrage, dass physikalische Prozesse wie der Klimawandel der entscheidende Antrieb für Veränderungen im Ökosystem seien.

"Einflüsse von unten nach oben sind fundamental, aber nicht ausreichend", so die Autoren. Anstatt jede Spezies für sich zu betrachten und die Jäger als "ökologische Passagiere" zu sehen, die sich an der Spitze der Nahrungskette treiben lassen, fordern sie eine "neue Perspektive in der Dynamik der Ökosysteme", also von oben nach unten.

Dass diese Sicht schwierig ist, wissen auch die Autoren. Die Einflüsse der Jäger werden oft erst Jahrhunderte nach ihrem Aussterben deutlich. Auch auf Rùm hielten sich die Bäume noch einige hundert Jahre lang nach dem Verschwinden der Wölfe.

Wenn Raubtiere verschwinden, beeinflusst dies oft Hunderte Quadratkilometer Wildnis. Die Effekte sind schwer zu erkennen und noch schwerer zu messen. "Was wir oft übersehen, ist das Aussterben der ökologischen Interaktionen", sagt Mitautor Daniel Janzen.

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Quelle:
SZ vom 15.07.2011/mcs
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