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Ökologie:Die Samen-Bomber

Fledermäuse können viel zur Rettung des Regenwalds beitragen - einfach indem sie die Früchte des Dschungels fressen. Dann pflanzen sie neuen Regenwald.

Daniel Lingenhöhl

In den Tropen haben Fledermäuse nicht den besten Ruf. Etwa die Vampirfledermäuse, die sich tatsächlich von Blut ernähren. Die Tiere gelten als Überträger von Krankheiten und werden deshalb von Viehzüchtern bekämpft. Plantagenbesitzer haben es dagegen auf jene Fledermausarten abgesehen, die sich von Früchten ernähren.

Vampirfledermäuse haben keinen guten Ruf.

(Foto: Foto: ddp)

In den Tropen betrachten Menschen Fledermäuse vor allem als Schädlinge. Doch die Tiere könnten bald wertvoll für den Menschen und die Natur werden - indem sie nichts weiter tun, als Obst, Nüsse und andere Früchte des Dschungels zu fressen und deren Samen in ihren Kötteln auf Lichtungen abzuwerfen. Daraus würde nämlich neuer Regenwald wachsen.

Um die Tiere dabei tatkräftig zu unterstützen, rühren Biologen um Detlev Kelm vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung mitten in den tropischen Regenwäldern Costa Ricas Beton an. Im Gebiet nahe der Forschungsstation La Selva wollen sie daraus Wohnhöhlen für Fledermäuse bauen.

Im Gegenzug erhoffen sich die Ökologen und Forstwirte von den Fledermäusen Hilfe im Kampf gegen Brandrodung, Abholzung und Zerstückelung der Regenwälder. "Die Tiere besitzen eine Schlüsselrolle bei der Ausbreitung von Pflanzen. Einige Arten fressen sehr viele Früchte und verteilen deren Samen großflächig." Bei ersten Tests in Costa Rica haben Fledermäuse bereits gute Ergebnisse gebracht - sie könnten tatsächlich helfen, den Regenwald des Landes wieder aufzuforsten, glauben die Forscher.

Vom früheren Urwald des mittelamerikanischen Landes existiert heute nur noch ein Viertel. Der Großteil steht zwar unter Naturschutz, ist aber häufig in kleine Parzellen zerstückelt. Dazwischen erstrecken sich aufgegebene Weiden, Felder oder Ödland, das viele Vögel oder Nagetiere meiden. Sie fallen deshalb als natürliche Gärtner aus, und so sprießen im Freiland kaum neue Bäume.

Mangel an Schlafplätzen

Ein ökologisches Dilemma, das der Bayreuther Pflanzenphysiologie Erwin Beck aus den Anden Ecuadors zur Genüge kennt. "Stattdessen stellen sich Ersatzpflanzen ein - etwa Gräser -, die sehr stark wachsen und so ihre Konkurrenz unterdrücken. Sie machen es unwahrscheinlich, dass dort wieder Wald aufkommt."

Das sollen die Fledermäuse nun verhindern. "Sie scheuen offene Flächen nicht und haben einen großen Aktionsradius. Im Schutze der Dunkelheit überqueren sie immer wieder die Lichtungen", sagt Kelm. Dabei lassen sie ihre Ausscheidungen fallen, die voller Samen stecken. Da die Tiere von verschiedenen Bäumen fressen, sorgen sie für eine gute Mischung.

Den Fledermäusen mangelt es aber meist an Schlafplätzen, da bevorzugt die großen alten Bäume mit ihren Höhlen gefällt werden. Ein Verlust, der Anzahl und Aktivität der Tiere empfindlich reduziert hat. "Ein Teil der Nacht verbringen Fledermäuse deshalb damit, Quartiere für den Tag zu suchen", sagt Kelm. Die Behausungen aus Beton sollen die Wohnungsnot der Fledermäuse lindern.

Die Tiere nehmen die künstlichen Höhlen rasch an. "Schon nach wenigen Wochen beherbergten sie zehn verschiedene Arten", sagt Kelm. Einmal eingezogen, fliegen die Tiere sie immer wieder an und werfen unterwegs ihren Darminhalt ab oder schleppen gleich große Früchte herbei, um sie auf der Lichtung zu fressen.

Verlockender Duft

Der Reiz der Schlafplätze lässt sich vielleicht noch steigern, kombiniert man ihn mit der Methode des Biologen Gledson Bianconi von der Universität im brasilianischen Rio Claro (Biotropica, Bd.39, S.136, 2008). Sein Team verführt Fledermäuse, in dem sie künstliche Früchte, mit ätherischen Ölen bestreichen, die nach begehrter Nahrung riechen. Tatsächlich ließen sich die Fledermäuse so aus dem schützenden Wald ins offene Gelände locken.

Detlev Kelm sieht diesen Ansatz allerdings skeptisch. "Köder müssen meist täglich ausgetauscht werden. Unsere Kästen sind beständig. Die Fledermäuse nutzen manche Quartiere schon seit acht Jahren." Im weiteren Umfeld der Betonkästen in Costa Rica wird jedenfalls schon bald ein neuer Wald aus Pionierpflanzen stehen. Diese ziehen dann andere Tiere an, die weitere Pflanzenarten eintragen.

"Im günstigsten Fall entsteht schon in zehn bis 15 Jahren ein junger Wald, der für den Fortbestand des angrenzenden Urwalds wichtig ist", sagt Erwin Beck. Für große Flächen sei die Methode aber noch ohne praktische Bedeutung. "Hier helfen nur Aufforstungen und Pflege von Menschenhand."

Becks Berliner Kollege denkt hingegen schon in größeren Dimensionen. "Es geht nicht allein um die Rettung des Regenwaldes. Wir hoffen, dass Fledermäuse bald schon in vielen Regionen als billige und wichtige Gehilfen angestellt werden - als kleiner, aber effektiver Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz."

© SZ vom 30.4.2008/mcs
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