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Nobelpreisträger:Videokonferenz statt Bayerischem Abend

NOBELPREISTRÄGER AUF MAINAU

In Zeiten von Corona undenkbar: Im Jahr 2000 posierten die Teilnehmer der 50. Tagung der Nobelpreisträger in Lindau dicht gedrängt vor dem Schloss auf der Insel Mainau.

(Foto: Patrick Seeger/DPA)

Alljährlich treffen sich Nobelpreisträger in Lindau am Bodensee. Wegen Corona finden die Tagungen in diesem Jahr nur virtuell statt.

Von Johanna Pfund

Viel lieber wäre William D. Phillips diese Woche in Lindau als zu Hause in den USA. Dann könnte der Nobelpreisträger der Physik auf dem Gang mit Doktoranden ins Gespräch kommen, beim Picknick über Glauben und Wissenschaft diskutieren - also das tun, was er an der Lindauer Nobelpreisträgertagung, die alljährlich Ende Juni stattfindet, so schätzt.

Darauf muss Phillips in Corona-Zeiten verzichten. Stattdessen nimmt er an den "Online Science Days" teil, die in diesem Jahr die Nobelpreisträgertagung ersetzen: Die Days bieten eine Mischung aus Diskussionen, Vorträgen und Videos zu Themen wie "Kommunikation des Klimawandels" oder "Kapitalismus nach Corona", die junge Wissenschaftler bereits Mitte Juni bei einem "Sciathon" erarbeitet haben. "Ich war zufrieden mit den Videos", sagt Phillips. "Aber Lindau lebt davon, eine traditionelle Tagung zu sein."

Auch Edmond Fischer ist dabei, der älteste lebende Nobelpreisträger

Dementsprechend schwer war es dem Kuratorium gefallen, die Zusammenkunft zu verschieben. Dieses Jahr hätten sich Physiker, Chemiker und Mediziner im Juni treffen sollen, im August dann die Wirtschaftswissenschaftler. "Es wäre einfach nicht möglich gewesen, die Tagung vor Ort durchzuführen", sagt Bettina Gräfin Bernadotte, Präsidentin des Kuratoriums. "Die Krise zwingt uns eben, flexibel zu bleiben." Offensichtlich kein Problem für die Laureaten: 38 Preisträger sagten umgehen zu, darunter auch der älteste lebende Nobelpreisträger, der 100-jährige Edmond Fischer.

Für Nachwuchswissenschaftler wie Ammara Mushtaq ist die virtuelle Variante so etwas wie eine zweite Chance auf Lindau. Normalerweise dürfen junge Wissenschaftler wie sie nur einmal an der Tagung teilnehmen - bei den virtuellen Treffen gilt diese Beschränkung nicht. Die 29-Jährige, die als Spezialistin für Infektionskrankheiten an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York arbeitet, erinnert sich noch mit Begeisterung an ihre Woche in Lindau, damals vor sechs Jahren. "Obwohl ich viel unterwegs bin, habe ich so etwas wie Lindau und den Bayerischen Abend dort nicht mehr erlebt."

Mit den an diesem Abend üblichen bayerischen Tänzen wird es dieses Jahr nichts, an ihre Stelle treten Videokonferenzen zu ungewöhnlichen Tageszeiten. Es sei nicht leicht gewesen, die unterschiedlichen Zeitzonen zu berücksichtigen, erzählt Mushtaq, die sich beim "Sciathon" zwei Tage lang mit anderen Nachwuchswissenschaftlern darüber ausgetauscht hat, wie Wissenschaftler ihre Erkenntnisse besser vermitteln können. "Wie kann ich ganz normalen Menschen beibringen, dass sie eine Maske tragen sollen, wie kann ich sie von Verschwörungstheorien abhalten?"

Irgendwie trage die Wissenschaft eine Mitschuld daran, dass sich solche Theorien verbreiten, findet die 29-Jährige. Bei Kongressen bleibe man unter sich, Aufsätze seien zu kompliziert geschrieben. "Wir brauchen Botschafter überall in der Welt, die Wissenschaft übersetzen können." Zeitungen und Social Media können dabei helfen. Oder der Small Talk beim Friseur. "Wir müssen zum Friseur, jeder geht dort hin. Und in die Pubs."

Enrique Lin Shiao arbeitet im Labor von Jennifer Doudna, der Mitentwicklerin der Genschere Crispr-Cas. Auch er war an den "Online Science Days" beteiligt und sieht die Krise als Motor. "Es ist eine aufregende Zeit für internationalen wissenschaftlichen Austausch", findet er. Beispielsweise wurde über seine Arbeit zur Corona-Diagnostik in der Zeitung berichtet - daraufhin kontaktierten ihn Forscher aus seinem Heimatland Costa Rica; eine Kooperation entstand.

Dennoch, das Virtuelle habe seine Grenzen, findet Rainer Blatt. Der Experimentalphysiker, dem als Erstem die Teleportation von Quanteninformation eines Atoms auf ein anderes gelang, ist Mitglied des Lindauer Kuratoriums. Mit den Resultaten der Online-Arbeit ist er zwar durchaus zufrieden. "Aber gerade die Atmosphäre macht Lindau aus. Ich habe hier gelernt, wie ich besser unterrichten kann, man kann den Fragen nicht entkommen."

Der wissenschaftliche Austausch, so Blatt, sei in Lindau zwar wichtig. Doch Priorität - da ist er sich mit Phillips einig - habe der unmittelbare Kontakt zwischen den Menschen, Begegnungen mit Körpersprache, die echte Diskussionen ermöglichen.

Die Idee zur Genschere Crispr-Cas entstand quasi auf dem Flur

Was Lindau vom Online-Format ins kommende Jahr mitnimmt, ist ungewiss. "Wir werden sehen, was wir aus diesem Experiment lernen", sagt Bettina Gräfin Bernadotte. Corona sei eine Herausforderung, die nach Interdisziplinarität schreie. Medizin und Wirtschaft diskutieren über Wachstum, Vernetzung, die Dichte der weltweiten Kontakte, über Reisen und Ressourcenverbrauch. "Durch Corona bekommen wir ein Stück weit schneller aufgetischt, wo die Schwächen unseres Lebenskonzepts liegen - die Frage ist nun: Gehen wir einfach wieder zur Tagesordnung über?"

Im kommenden Jahr soll das 70-jährige Jubiläum der Tagung in Lindau nachgeholt werden. Begegnungen auf dem Flur sind dann wahrscheinlich wieder möglich. Wie wichtig sie sein können, zeigt eine Geschichte, die Enrique Lin Shiao erzählt: Seine Labor-Chefin Doudna habe am Rande einer Tagung mit Emmanuelle Charpentier die Idee mit der Crispr-Cas-Genschere entwickelt.

© SZ/jrod/hmw
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