Nobelpreis für Medizin:Die Fachwelt war zunächst skeptisch

Lesezeit: 4 min

Besonders große Freude löste die Ehrung für John O'Keefe bei einigen Kollegen aus. So erinnerte sich der emeritierte Oxford-Physiologe John Stein am Montag daran, wie skeptisch O'Keefes Erkenntnisse in der Fachwelt zunächst aufgenommen worden waren. Einige Kollegen hätten die Entdeckung der Platzzellen als "Artefakt" bezeichnet. O'Keefe sei außerdem bezichtigt worden, den Geruchssinn von Ratten unterschätzt zu haben. "Heute, wie bei vielen Ideen, die zunächst sehr kontrovers waren, sagen die Leute: Ja, das ist doch klar!"

Auch deutsche Wissenschaftler sehen den Preis bei den drei Preisträgern gut aufgehoben: "Die Entdeckung dieser zwei Zelltypen hat die entscheidende Grundlage für das Verständnis der Orientierung von Säugetieren geschaffen", sagt Tobias Meilinger vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen. Er erforscht dort die Orientierung von Menschen in Alltagsumgebungen. Beim Menschen allerdings, da ist sich der Forscher sicher, spielen noch einige besondere Eigenschaften eine Rolle für die Orientierung. "Wie diese einzelnen Zellen zum Verhalten beitragen können, bleibt sicher noch für viele Jahren ein spannendes Forschungsfeld", sagt Meilinger.

Obwohl die Zellen allein die enormen Fähigkeiten vieler Säugetiere vermutlich kaum erklären können, sich im Raum zu orientieren - wie zum Beispiel Fledermäuse, die in völliger Dunkelheit durch komplizierte Höhlensysteme fliegen können - sind sich Forscher über die Bedeutung der Arbeiten der Mosers recht einig. Schon vor vier Jahren äußerte sich vor allem der bekannte amerikanische Neurowissenschaftler Eric Kandel begeistert über ihre Erkenntnisse. Er bewundere die Arbeit der beiden ganz außerordentlich, sagte er damals der New York Times.

Für Edvard Moser allerdings war wohl nicht wirklich klar, dass er und seine Frau heiße Kandidaten für die wichtigste Trophäe der Wissenschaft waren. Als er am Montag schließlich in München landete, soll ihm eine Frau einen Blumenstrauß überreicht haben. Er habe einen Preis gewonnen, sagte sie, sie wisse aber nicht welchen. Er wusste es auch nicht. Erst als er einen Anruf seines Münchner Kollegen Tobias Bonnhoeffer vom Max Planck Institut für Neurobiologie auf seinem Mobiltelefon entdeckte, sei es ihm allmählich gedämmert, berichtete Moser auf einer eilig einberufenen Presse-Konferenz am Institut in Martinsried. Nicht allein diese Ahnungslosigkeit macht den Preis für die Mosers besonders. Sie sind in der Geschichte der Nobelpreise erst das vierte Ehepaar, das gemeinsam für seine wissenschaftliche Leistung ausgezeichnet wird, und sogar erst das zweite Paar, das den Nobelpreis für Medizin zusammen erhält.

Die Befürchtung, er werde nun den ersten Flieger nach Oslo zurück nehmen, um am gleichen Ort mit seiner Frau feiern zu können, konnte er den Kollegen nehmen. Moser wird im kommenden Monat als Gastforscher in München gemeinsam mit Bonhoeffer einen genaueren Blick auf die Rasterzellen im Gehirn werfen, und zwar mit speziellen Mikroskopen, mit denen sich die einzelnen Neuronen genau untersuchen lassen.

Die neuen Methoden werden auch zeigen, inwieweit das innere Navigationssystem bei Menschen zur Orientierung beiträgt. Und ob sich das Prinzip der Rasterzellen womöglich auch auf andere Prozesse der Informationsverarbeitung übertragen lässt. Denn das, was der Neurobiologe und seine Frau May-Britt entdeckt haben, hält Moser erst für "die Spitze eines Eisbergs".

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema