Nobelpreis für Medizin:Da will ich hin!

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Nobelpreis für Medizin: May-Britt Moser, John O'Keefe und Edvard Moser (v.l.) teilen sich den Medizin-Nobelpreis.

May-Britt Moser, John O'Keefe und Edvard Moser (v.l.) teilen sich den Medizin-Nobelpreis.

(Foto: AFP)

Sie haben ihren Weg gefunden: Ein Amerikaner und ein norwegisches Ehepaar konnten erstmals erklären, wie Orientierung funktioniert. Dafür erhalten sie den Medizin-Nobelpreis.

Von Kathrin Zinkant

Es lässt sich sicher streiten über den richtigen Ort für so ein einschneidendes Lebensereignis, aber im Flugzeug rechnet man wohl eher selten mit einer Lebensehrung. Als der Sekretär des Nobelpreiskomitees am Montagmittag im schwedischen Karolinska-Institut ans Pult trat, um die ersten Laureaten der diesjährigen Nobelpreise bekannt zu geben, saß der norwegische Neurobiologe Edvard Moser jedenfalls in einem Flieger Richtung München - allein, seelenruhig, das Handy brav ausgeschaltet und nichts ahnend, dass er sich mit seiner Ehefrau May-Britt jetzt eine Hälfte des diesjährigen Medizin-Nobelpreises teilen darf.

Die andere Hälfte der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnung erhält der in Großbritannien forschende Neurobiologe John O'Keefe. Gemeinsam haben die Forscher grundlegende Erkenntnisse zu zwei existenziellen Fragen gewonnen, die sich nicht nur Flugzeugpiloten, Autofahrer und morgendlich Erwachende andauernd stellen, sondern von der Bakterie bis zum Säugetier auch jede andere Kreatur auf diesem Planeten: Wo bin ich? Und wo muss ich jetzt hin?

Bereits in den 1970-Jahren hatte der gebürtige US-Amerikaner O'Keefe in Versuchen an Ratten herausgefunden, dass es für das "Wo?" offenkundig spezialisierte Zellen gibt: Wann immer sich die Tiere an einem bestimmten Ort aufhielten, wurden in einer fürs Gedächtnis wichtigen Region des Gehirns, dem Hippocampus, ganz spezifisch die gleichen Nervenzellen aktiviert. O'Keefe nannte diese Neuronen Platzzellen und gemeinsam mit seinem Kollegen Lynn Nadel kam er, damals noch an der McGill University in Montreal forschend, zu dem Schluss, dass diese besonderen Zellen anhand von Landmarken biologische Karten erstellen und speichern können.

Jede Platzzelle wird dabei fix einem bestimmten Merkmal der jeweiligen Umgebung, einer sogenannten Landmarke, zugeordnet. Während O'Keefe und Nadel sich noch mit Experimenten an Labornagern begnügen mussten, ermöglichten invasive Behandlungsmethoden an Epilepsiepatienten in den vergangenen 15 Jahren endlich auch den Nachweis von Platzzellen im menschlichen Gehirn. Tatsächlich scheinen sie auf die gleiche Weise zu funktionieren, wie es zuvor in anderen Säugetieren gezeigt worden war.

Als O'Keefe schon mitten in seinen Forschungen über das "Wo?" steckte, gingen May-Britt und Edvard Moser noch zur Schule. Sie lernten sich erst in den 1980er Jahren kennen, als sie an der Universität von Oslo Psychologie studierten und mit großem Ehrgeiz ein Ziel verfolgten: Sie wollten eine Brücke schlagen zwischen der reinen Verhaltensforschung und der biologischen Struktur des Gehirns.

Nachdem das Paar unter anderem mit John O'Keefe in Edinburgh zusammengearbeitet hatten, gingen die Mosers zurück nach Norwegen, an die Universität von Trondheim, wo ihnen 2005 schließlich der zweite entscheidende Schritt im Verständnis der räumlichen Orientierung gelang. Die Forscher fanden eine weitere Klasse spezialisierter Zellen, sogenannte Rasterzellen. Anders als Platzzellen ist die Aktivität dieser Zellen nicht an bestimmte auffällige Eigenschaften - also Landmarken - in der Umgebung gebunden. Sie scheinen stattdessen ein inneres Raster aus Koordinaten zu formen, eine Art eingebautes Navigationssystem, das unter anderem Informationen über die Lage von Kopf und Extremitäten verarbeitet. Gemeinsam mit den Platzzellen vermittelt es Säugetieren nicht nur, an welchem Ort sie sind. Sondern auch, woher sie kommen und wohin sie gehen.

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