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Nobelpreis für Malaria-Forschung:Mao Zedong als Retter der traditionellen chinesischen Medizin

In Kapitel Drei seines "Zhou hou bei ji fang" hatte Ge Hong insgesamt 42 Rezeptvorschriften unterschiedlichster Art gesammelt. Die erste Vorschrift lautete:"Rezept zur Therapie von nue/yao-Erkrankungen. Rollasseln, Schwarze Bohnen, zwei mal sieben Stück, werden miteinander zerstoßen bis sie miteinander vermischt sind. Man nehme zwei Pillen ein bevor (ein Ausbruch der Krankheit) stattgefunden hat. In dem Moment, in dem der Ausbruch gerade bevorsteht, nehme man eine Pille ein."

Die zweite Vorschrift lautete: "Ein weiteres Rezept. Qing hao, eine Handvoll. In zwei Scheffel Wasser einweichen. Den Saft auswringen und vollständig einnehmen." Die dritte Vorschrift lautet: "Ein weiteres Rezept: Einköpfiger Knoblauch auf weißer Holzkohle zu rösten. Pulverisieren. Die Menge einnehmen, die auf einen Quadratzoll-Löffel passt." Und so geht es weiter. Mal werden Spinnen empfohlen, mal magische Rituale.

1 Million Menschen

weltweit sterben nach Angaben der WHO jedes Jahr aufgrund einer Malariainfektion, die Hälfte von ihnen sind Kinder. Am stärksten ist Afrika betroffen, aber die Erreger, die Plasmodien, leben auch in allen anderen tropischen Regionen der Erde. Da es bisher keine Impfung gegen die Krankheit gibt, sind gute Medikamente besonders wichtig. Auf Artemisinin basierende Präparate, meist in Kombination mit anderen Mitteln, gelten als Therapie erster Wahl. Seit einigen Jahren treten allerdings Resistenzen auf, neue Wirkstoffe werden gesucht.

Diese Heterogenität der historischen chinesischen Arznei- und Medizinkunde hat sich bis in das 20. Jahrhundert fortgesetzt. Als westlich ausgebildete chinesische Medizinwissenschaftler in den Anfangsjahren der Volksrepublik forderten, die historisch überlieferte chinesische Medizin nun gänzlich aus dem Gesundheitswesen zu verbannen, widersprach Mao Zedong. Er vertrat die Auffassung, dass Hunderttausende in China mit dieser Medizin ihren Lebensunterhalt verdienten, denen man nicht per Federstrich den Lebensunterhalt nehmen könne. Seine Weisung lautete: "Die chinesische Medizin ist eine Schatzkammer. Wir müssen uns bemühen, (ihre Schätze) zu heben."

Genau vor diese Aufgabe war das Projekt 523 gestellt. Aus der Vielfalt der zum Teil sinnvollen und zum Teil nicht mehr nachvollziehbaren Erkenntnisse sollten die Mediziner Substanzen und Ideen heraussuchen, die sich auch in der heutigen Zeit als "Schätze" erweisen. Alle chinesischen Reformer und Revolutionäre seit Anfang des 20. Jahrhunderts waren sich einig, dass die historische chinesische Medizin eher als Symbol der Krankheit Chinas anzusehen sei, denn als ernsthafte Heilkunde. Die überaus negativen Aussagen der berühmtesten Autoren und Intellektuellen zu inkompetenten traditionellen Ärzten und der Beschränktheit ihres Wissens sind heute nicht mehr gern gehört. Doch damals hatten sie nur ein Ziel: die moderne westliche Medizin nach China zu holen.

Ihren Aufsatz musste Tu Youyou 1979 anonym veröffentlichen

Das Team um Tu Youyou wählte aus verschiedenen historischen Quellen eine Vielzahl von Einzelsubstanzen aus. Ob sie auch die Rollasseln und die Spinnen in Erwägung gezogen haben, ist nicht überliefert. Die Geistersprüche ließen sie mit Sicherheit außer Acht, obwohl viele Chinesen nach wie vor solche Vorstellungen für realistisch halten.

Erste Versuche, einen geeigneten Malaria-Wirkstoff in dem Kraut qing hao zu finden, endeten allerdings unbefriedigend. Die extrahierten Substanzen erzielten keinen hohen Wirkungsgrad. Erst als Tu Youyou sich noch einmal die Hinweise für die Aufbereitung anschaute, die Ge Hong formuliert hatte, kam Tu Youyou die Idee, dass ein Auszug mit erhitzten Lösungsmitteln wohl nicht der richtige Weg sei. In dem Rezept war von "einweichen und auswringen" die Rede. Folglich nahm Tu Youyou eine kalte Extraktionsflüssigkeit zu Hilfe. Das war der Anfang für die weitere Entwicklung, die schließlich zum Artemisinin führte, bis heute eines der wichtigsten Malaria-Medikamente.

Die Pharmakologin Tu Youyou habe ich im Jahre 1978 in ihrem Labor in Peking besucht. Sie stellte sich bereitwillig für ein Foto vor ihren Labortisch mit einem Molekülmodell in ihren Händen. Es ist ein rührendes Foto. Die Wissenschaftlerin ist nicht die strahlende Entdeckerin eines weltweit millionenfach hilfreichen Arzneimittels. Der Blick ist freundlich und schüchtern, gekennzeichnet vielleicht noch von den Strapazen der erst kürzlich überwundenen harten Zeit der Kulturrevolution.

Das Foto ist auch deshalb ein einmaliges historisches Dokument, weil kaum zu erwarten war, dass ein Nobelpreis in der Medizin heute an eine Persönlichkeit verliehen wird, die mit solch einfachen Mitteln einen herausragenden Beitrag für die Medizin geleistet hat. Tu Youyou durfte ihre Entdeckung noch nicht einmal unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen; die Publikation erschien im Jahre 1979, anonym, wie damals noch üblich. Erst 2011 erschien in dem Fachmagazin Nature Medicine ein Aufsatz, in dem sie den Weg ihrer Entdeckung beschreiben konnte.

Die traditionelle chinesische Medizin ist nicht die Alternative zur westlichen Medizin

Erste Medien-Reaktionen auf die Nachricht aus Stockholm werteten diese auch als Bestätigung der sogenannten Traditionellen Chinesischen Medizin. Aber solche Deutungen sind problematisch; sie sind abhängig davon, was man unter "TCM" versteht. Die chinesische Regierung und die China Academy of Chinese Medical Sciences verstehen unter TCM die auf einen Kern reduzierte historische chinesische Medizin, der in der Molekularbiologie legitimiert ist und allmählich in die moderne, westliche Medizin und Pharmazie integriert wird. An einer ewigen Fortdauer der TCM als eigenständiges, in den historischen Weltanschauungen der Yinyang- und Fünf-Phasen-Lehre begründetes Heilsystem sind die Verantwortlichen in China nicht interessiert. Diese Politik ist eindeutig in der Beijing Declaration of 2007 ausgesprochen: "TCM ist Teil der Biomedizin", und: "Die Grundlage der TCM ist die Molekularbiologie." Das sind die beiden Kernsätze dieses Dokuments. Von daher ist die Entdeckung, für die Tu Youyou heute zu Recht gefeiert wird, einer der gesuchten Schätze der historischen TCM, aber dennoch in den modernen biologischen Wissenschaften verankert.

In westlichen Ländern hingegen führt häufig gerade die Unzufriedenheit mit der modernen Biomedizin zur Suche nach Alternativen, sei es in der eigenen, europäischen Vergangenheit, sei es in der indischen Heilkunde Ayurveda oder eben auch in China in der TCM. Hier werden bewusst die Yinyang- und Fünf-Phasen-Lehren als sinnvoll und hilfreich gedeutet und als Gegenstück zu der analytischen Naturwissenschaft des Westens gepriesen. Aus dieser Perspektive ist die Entdeckung des Artemisinins durch die rein nach westlichen Standards forschende Wissenschaftlerin Tu Youyou keine Hilfe für die weitere Anerkennung der TCM als Alternative. Das freilich sehen nicht nur westliche Beobachter so. Kurz nach der Bekanntgabe in Stockholm erschienen im chinesischen Internet bereits Analysen mit dem Titel "Die Verleihung des Nobelpreises an Tu Youyou gilt der Neuen Medizin, nicht der TCM!" Die Freude in China, hier in der "Neuen Medizin" solche höchste westliche Anerkennung erlangt zu haben, ist verständlich.

Paul Unschuld ist Sinologe und Medizinhistoriker. Er ist Direktor des Horst-Görtz-Stiftungsinstituts der Charité in Berlin und schrieb unter anderem das Buch: The Fall and Rise of China. Healing the Trauma of History. London/Chicago 2013

© SZ vom 10.10.2015
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