Neurowissenschaft Wie frei sind die Gedanken noch?

Einem berühmten Volkslied zufolge kann kein Mensch die Gedanken eines anderen wissen. Damit ist es bald vorbei, sagen Hirnforscher - und schrecken damit Ethiker auf.

Von Nikolas Westerhoff

"Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten" - so lautet die erste Strophe eines berühmten deutschen Volkslieds. Kein Mensch, heißt es darin, kann sie wissen, kein Jäger erschießen, mit Pulver und Blei. Das Lied stammt aus dem 13. Jahrhundert, und bis vor kurzem hätte wohl niemand an der Richtigkeit dieser Aussage gezweifelt.

Lauschangriff aufs Hirn erlaubt?

(Foto: Foto: iStock)

Das könnte sich ändern, denn Hirnforschern und Neuropsychologen gelingt es zunehmend, einfache Gedanken und Handlungsintentionen aus dem Gehirn zu lesen (Current Biology Bd. 17, S. 323, 2007).

Glaubt man führenden Neurowissenschaftlern, so könnte es mit der Freiheit der Gedanken schon bald vorbei sein. "In der letzten Zeit sind Techniken entwickelt worden, die es erlauben, die Gedanken einer Person bis zu einem gewissen Grad aus ihrer Hirnaktivität zu erschließen", sagt John-Dylan Haynes vom Bernstein Center for Computational Neuroscience in Berlin.

Unverwechselbar wie ein Fingerabdruck

Dabei mache man sich zunutze, dass jeder Gedanke mit einem charakteristischen Aktivitätsmuster im Gehirn einhergehe, das so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck sei.

"Wenn man ein solches Hirnmuster vorfindet", so Haynes, "weiß man, was eine Person gerade denkt". Er will nun für jeden Gedankeninhalt das dazugehörige Aktivitätsmuster bestimmen und in einer Datenbank speichern. "Das ist ein Mammutprojekt, vergleichbar mit der Entschlüsselung der DNS."

Haynes und seine Kollegen bauen zurzeit an einer Art Gedankenlesemaschine. Zunächst wollen sie die Gehirne von Menschen mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) durchleuchten, um so das neuronale Aktivitätsmuster zu bestimmen, das einem bestimmten Gedanken zugrunde liegt.

Danach möchten sie einen Hochleistungscomputer darauf trainieren, die gedankenspezifischen Muster in dem großen Strom von Hirndaten zu erkennen. Hierbei greifen sie auf sogenannte Mustererkennungssoftware zurück. Von Kriminalisten wird sie bereits eingesetzt, um Fingerabdrücke oder per Video aufgezeichnete Gesichter zu vergleichen.

Noch ist es den Hirnforschern allerdings nicht möglich, komplexere Gedankengänge wie beispielsweise "Morgen gehe ich mit Großmutter spazieren" zu erkennen. Bisher beherrschen sie aber immerhin zweierlei: Erstens können sie aus der neuronalen Aktivität im Schläfenlappen des Großhirns schlussfolgern, ob jemand gerade an ein Haus oder an ein Gesicht denkt.

Zweitens können sie mit einer Trefferquote von ungefähr 71 Prozent vorhersagen, ob ein Proband gerade eine Subtraktion oder eine Addition im Kopf plant. Noch sei das Gedankenlesen rudimentär, doch das Potential der neuen fMRT-Technologie sei groß. "Wir sollten nicht den Fehler machen und die Möglichkeiten der bildgebenden Verfahren unterschätzen", sagt Neurowissenschaftler Haynes.

Tatsächlich bietet die Technologie zahlreiche neue Anwendungsmöglichkeiten. So konnte der Neuropsychologe Adrian Owen von der University of Cambridge mittels fMRT nachweisen, dass Wachkomapatienten imstande sind, sich einfache Handlungsabläufe wie etwa Tennisspielen mental vorzustellen (Science, Bd.313, S.1402, 2006).

Computerspiele und Diagnoseverfahren

Er sieht im fMRT deshalb ein Verfahren, mit dem sich feststellen lässt, ob jemand klinisch tot ist oder nicht.

Der Psychiater Gabriel Curio von der Berliner Charité möchte hingegen Computerspiele entwickeln, die sich per Gedankenkraft steuern lassen. Er greift hierbei allerdings auf das Elektroenzephalogramm (EEG) zurück, eine Technik, die es bereits seit längerem in der Neurologie gibt.

Der Psychiater Henrik Walter von der Universität Bonn setzt bildgebende Verfahren ein, um psychiatrische Diagnosen zu stellen und um die psychopharmakologische Therapie weiter zu optimieren. Er konnte vor kurzem zeigen, dass ein negativer Denkstil mit einem neuronalen Muster einhergeht, wie es für Depressive charakteristisch ist. Walter war es auch, der die fMRT-Methode bereits vor einigen Jahren erfolgreich verwendet hat, um die neuronale Reaktion auf Automarken zu testen - im Auftrag von Daimler-Chrysler.

Er konnte beispielsweise beobachten, dass Sportwagen offenbar das Lustzentrum im Gehirn aktivieren, den so genannten Nucleus accumbens. Nach Ansicht von Walter schaltet ein schickes Mercedes-Coupé den Verstand aus und aktiviert einen "Kaufen-Knopf" im Gehirn.

Der Psychiater Daniel Langleben von der University of Pennsylvania konstruiert gegenwärtig einen fMRT-basierten Lügendetektor. Er will damit messen, ob eine Person einen wahren Gedanken zugunsten einer Lüge unterdrückt. Langleben glaubt, das neuronale Korrelat für absichtsvolle Täuschungen im sogenannten anterioren Cingulum gefunden zu haben - jenem Teil der Großhirnrinde, in dem Konfliktsituationen verarbeitet werden.

Noch ist aber völlig unklar, wie Lügner mittels fMRT entlarvt werden sollen, denn bislang muss die Person im Tomographen kooperationswillig sein. Sie darf sich keinen Zentimeter bewegen. "Bereits leichte Kopfbewegungen wirken sich störend auf die Ergebnisse aus", sagt der Neurowissenschaftler Tonio Ball vom Universitätsklinikum Freiburg.

Verweigert jemand die Aufgabe oder hält nicht still, so produziert die fMRT-Methode nur schwer interpretierbare Daten. Welcher potentielle Mörder ist schon bereit, an der Aufklärung seiner Verbrechen mitzuwirken, indem er sich eine Stunde freiwillig in eine enge Röhre legt und sich nicht bewegt?

Möchtegern-Gedankenleser

Nach Ansicht von Kritikern sind Haynes und seine Kollegen nichts weiter als Möchtegern-Gedankenleser, die ihre Ergebnisse medienwirksam verkaufen. Die Tatsache, dass sich aus dem Gehirn "auslesen" lässt, ob jemand an ein Haus denkt oder nicht, ist ihrer Auffassung nach alles andere als sensationell. "Es gibt ganz spezifische Hirnareale, in denen Gesichter verarbeitet werden. Das ist seit langem bekannt", sagt der Biologe André Brechmann vom Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg, ein Experte auf dem Gebiet des Neuroimaging. Mit Gedankenlesen habe das nichts zu tun.

Das Gesichter-Areal sei bei Autoliebhabern und Ornithologen auch dann aktiviert, wenn sie an Sportwagen oder Vögel denken: "Deshalb ist es eben nicht möglich, aus dem Hirnmuster eindeutig auf einen bestimmten Gedankeninhalt zu schließen", glaubt Brechmann. Und selbst wenn die Methode funktionieren würde, sei immer noch unklar, was jemand über einen konkreten Gegenstand denkt, welche Assoziationen er bei ihm auslöst und wie er emotional gefärbt ist. Das eigentlich Private bliebe unerforscht und unerforschbar.

"Gedankenblitze und schnelle Entscheidungen lassen sich mit der Methode nicht dokumentieren, dafür ist die zeitliche Auflösung zu schlecht", sagt Brechmann. Es sei prinzipiell unmöglich, mittels eines so trägen Verfahrens wie der funktionellen Magnetresonanztomographie den schnellen Strom der Gedanken abbilden zu wollen. "Komplexere Gedankeninhalte können wir mittels fMRT bislang nicht entschlüsseln", bestätigt auch die Neuropsychologin Isabella Mutschler von der Universität Basel.