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Neurowissenschaft:"Der Kernspin zeigt das Rotwerden des Gehirns"

Bahnbrechende Experimente haben in jüngster Zeit bewiesen, dass die Sprache des Gehirns zugänglich ist, auch wenn die Experten noch ernüchternde Vergleiche liefern, um die Komplexität des Denkens zu illustrieren: Klaus-Robert Müller nennt es das "cerebrale Cocktailparty-Problem" in Anlehnung an die vielen Neuronen im Hirn, zwischen denen man nach den entscheidenden "Gesprächen" sucht. John-Dylan Haynes vergleicht den heutigen Stand des Gedankenlesens mit einem Computer, den man zu verstehen versucht, indem man Wärmesensoren an das Gehäuse klebt.

Doch eben dieser zurückhaltende John-Dylan Haynes hat 2008 einen der wichtigsten Meilensteine auf dem Weg zum Gedankenlesen geliefert. Anders als Müller, der elektrische Signale des Gehirns erfasst, durchsucht Haynes das Hirn mit Kernspintomographen. Diese eröffnen in vergleichsweise langsamem Takt Einblicke in die Aktivität der grauen Masse, dafür blicken Tomographen tief: Sie zeigen Bereiche erhöhter Aktivität als leuchtende Flecken.

Plus oder Minus - die Maschine weiß es

"Der Kernspin zeigt so etwas wie das Rotwerden des Gehirns", sagt Haynes. Ihn interessieren Hirn-Zustände, etwa wenn der Mensch lügt, staunt oder sich entspannt. Haynes spricht von neuronalen Korrelaten. In seinem viel zitierten Experiment hat er Menschen im Tomographen Zahlen gezeigt und ihnen freigestellt, diese zu addieren oder zu subtrahieren. Das Erstaunliche war: Seine Maschine konnte mit hoher Signifikanz feststellen, ob die Probanden sich für Plus oder Minus entscheiden würden - noch bevor die Versuchsteilnehmer ihr Ergebnis nannten.

Die reine Absicht, eine Addition oder Subtraktion auszuführen, war als Aktivitätsmuster im Gehirn erkennbar. Das ist einer der bislang bedeutendsten Machbarkeitsbeweise für das Gedankenlesen - auch wenn das Erkennen tieferer Gedanken derzeit noch so fern liegt wie einst das erste Transatlantik-Kabel vom Internet.

Ob man zum Beispiel an Flughäfen böse Absichten bei Passagieren feststellen könnte? Haynes winkt ab: "Das ist alles Zukunftsmusik." Sichtlich verärgert reagiert er, wenn die Sprache auf jene Firmen kommt, die vor allem in den USA bereits Gedankenlese-Apparaturen vermarkten, unter anderem als Lügendetektoren. "Das sehe ich alles sehr kritisch", sagt Haynes, "und diese Firmen wissen das auch." Die Technik sei noch längst nicht weit genug, um etwa gerichtsverwertbare Aussagen zu liefern.

Doch die Realität überholt bereits den Stand der Wissenschaft. In Indien und den USA beeinflussen Hirnuntersuchungen erste Strafprozesse.

"Wir alle haben gelegentlich schlimme Gedanken"

Sogar im Spielwarenhandel ist die vermeintliche Gedankenlesetechnik angekommen. Der Barbie-Puppen-Hersteller Mattel vermarktet ein auf den ersten Blick faszinierendes Gerät: "Mindflex" heißt ein Spiel, bei dem sich mit einer primitiven EEG-Kappe und entsprechender Konzentration ein kleiner Ball zum Schweben bringen lässt. Haynes nahm die Sache ernst, doch dann setzte er das Gerät auf den Kopf einer Schaufensterpuppe, und siehe da, die "Gedankensteuerung" funktionierte prächtig.

Derlei Humbug kann nach Ansicht etablierter Forscher aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den kommenden Jahren große Fortschritte zu erwarten sind. Klaus-Robert Müller und Gabriel Curio halten es für dringend notwendig, eine gesellschaftliche Debatte anzustoßen: Wie weit sollen die Einblicke in die Welt der Gedanken gehen?

Nicht nur weil die US-Luftwaffe bereits eine Gedankensteuerung für Kampfpiloten erprobt, warnt Klaus-Robert Müller davor, die natürliche Barriere zwischen Denken und Tun niederzureißen: "Wir alle haben gelegentlich schlimme Gedanken", sagt Müller, "es ist gut, dass Menschen nicht immer tun, was ihnen eben mal durch den Kopf schießt."