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Neue Studie:Das Cholesterin-Rätsel

Der Nutzen von fettsenkenden Mitteln ist umstritten: Erstaunlich häufig bekommen Menschen trotz hohem Cholesterin keinen Infarkt - oder sie erleiden einen Infarkt trotz normaler Cholesterinwerte.

Werner Bartens

Auch Mediziner kämpfen gegen eine Achse des Bösen. Seit Jahren schon haben sie Bluthochdruck, Übergewicht und Diabetes als die Feinde ausgemacht, die zu einem jähen Verschluss der Arterien in Herz und Hirn führen können. Infarkt und Schlaganfall sind die Folge.

Eine besondere Schurkenrolle hat in dieser ärztlichen Weltsicht aber zweifellos das Cholesterin inne. Seit Wissenschaftler den Bösewicht aus der Fettecke als Risikofaktor für vorzeitige Gefäßverstopfung identifiziert haben, wird das Cholesterin heftig bekämpft. Das "böse" LDL-Cholesterin soll medikamentös gesenkt werden, das "gute" HDL-Cholesterin erhöht.

Doch viel hilft in der Medizin nicht immer viel. Jetzt haben skandinavische Mediziner herausgefunden: Die aggressive Senkung der Blutfette auf besonders niedrige Werte bringt Herzpatienten offenbar kaum zusätzlichen Nutzen. Da diese Ergebnisse am heutigen Mittwoch auf dem weltgrößten Kardiologenkongress in den USA vorgestellt werden, hat auch das renommierte Journal of the American Medical Association die Publikation der Daten auf heute vorgezogen.

In der Studie wurden über einen Zeitraum von fünf Jahren 8.888 Patienten untersucht, die bereits einen Herzinfarkt hatten. Die Hälfte bekam hoch dosiert den Fettsenker Atorvastatin (Sortis). Die andere Hälfte den Fettsenker Simvastatin (Zocor) in geringerer Dosis.

Weniger LDL-Cholesterin, doch genauso viele Todesfälle

Der Vergleich der beiden Therapien ergab in vielen für die Patienten wichtigen Punkten allerdings kaum Unterschiede: Zwar wurde das LDL-Cholesterin mit der höheren Arzneidosis auch deutlich stärker gesenkt. Daraus resultierten aber weder weniger Todesfälle durch Infarkt, noch gab es weniger Herzanfälle, die Patienten überlebten.

Im Frühjahr dieses Jahres und im vergangenen Jahr waren bereits Studien mit mehreren Tausend Patienten erschienen, die vergeblich einen deutlichen Vorteil der starken Cholesterinsenkung nachzuweisen versuchten. Peter Sawicki vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen kommt deshalb zu dem Fazit: "Umstritten ist, ob und inwieweit die Senkung des LDL-Cholesterins den Gesundheitszustand positiv beeinflusst."

Diese Widersprüche rund ums Cholesterin irritieren die Mediziner. In jüngster Zeit mussten sie wiederholt eingestehen, dass der Nutzen der Fettsenkung offenbar längst nicht so groß ist wie erhofft. Hinzu kommt, dass noch nicht nachgewiesen ist, ob die Schaden-Nutzen-Bilanz bei allen Cholesterinsenkern positiv ausfällt. Nur weil der Fettwert im Blut sinkt, bedeutet dies nicht automatisch ein gesünderes oder gar längeres Leben.

Fast die Hälfte aller Infarktopfer hat völlig normale Cholesterinwerte

Ein weiteres Cholesterin-Paradox stellt Ärzte vor Rätsel: Immer wieder gibt es Menschen mit stark erhöhten Cholesterinspiegeln, ohne dass ihre Schlagadern davon in Mitleidenschaft gezogen wären. Mindestens so unerklärlich: Fast die Hälfte aller Infarktopfer hat völlig normale Cholesterinwerte.

Erhöhte Fettwerte im Blut tun nicht weh. Die strengen Cholesterin-Grenzwerte der Kardiologen würden aber die Mehrzahl der Erwachsenen hierzulande zu Patienten machen. Dabei zeigen die jüngsten Studien zur Fettsenkung: Der Zusammenhang zwischen erhöhten Risikofaktoren und Gesundheit beruht nicht auf dem simplen Schema von Gut und Böse.

© SZ vom 16.11.2005
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