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Schlachtfeldforschung:Als die Menschen seßhaft wurden, stieg die Gewalt

Solche Massaker werfen die Frage auf, ob nicht auch schon die frühen Wildbeuter-Gesellschaften Kriege geführt haben. Doch Experten sind eher skeptisch. "Nach meinen Daten lag die kriegsbedingte Mortalität über weite Strecken der Menschheitsgeschichte praktisch bei null", sagt der Ethnologe Jürg Helbling von der Universität Luzern. "Die frühen hochmobilen Jäger- und Sammler-Gruppen bekriegten sich kaum oder gar nicht, obwohl es auch dort durchaus zu Gewalttaten zwischen Individuen kam. Krieg entstand erst mit dem Ende der Mittel- und dem Beginn der Jungsteinzeit, nahm dann massiv zu und wurde intensiv geführt."

Im österreichischen Asparn/ Schletz etwa haben die Archäologen mehr als 200 Tote entdeckt, Opfer eines Überfalls vor 7000 Jahren. Es gibt Belege dafür, dass sich die Bewohner des Dorfes gewehrt haben, dass wohl über einen gewissen Zeitraum gekämpft wurde. Auf einige ihrer Opfer hatten die Angreifer so heftig eingeschlagen, dass sie bis zu fünf schwere Wunden aufweisen, jede einzelne von ihnen wäre tödlich gewesen.

Autoren wie der Harvard-Psychologe Steven Pinker haben in dieser Debatte für neuen Diskussionsstoff gesorgt. Seit 10.000 Jahren befänden sich alle Formen der Gewalt auf dem Rückzug, sagt Pinker. Das Problem mit seiner Theorie ist allerdings, dass sein Umgang mit Daten und Quellen schlampig ist, seine Begriffe nicht klar definiert sind: "Pinker unterscheidet nicht Gewalt zwischen Individuen und Krieg zwischen Gruppen", sagt Jürg Helbling.

Schlachtfeldarchäologen arbeiten präziser. Todesursachen können sie mit Hilfe von Waffen und deren Gebrauchsspuren rekonstruieren, die Verteilung von Funden erzählt ihnen so wie im Fall Harzhorn etwas über das Kampfgeschehen und die Strategie. Die Art der Waffen, ihre gezielte Entwicklung und der Bau von Verteidigungsanlagen informieren über die Bedrohungslage und wie sich eine Gesellschaft gegen Aggressionen gewehrt hat. Nur anhand dieser Fakten lässt sich zeigen, ob man tatsächlich von kriegerischen Handlungen sprechen kann, also von Gruppenaktivitäten und dem organisierten Einsatz von Gewalt. Um solche Kriterien kümmert sich Steven Pinker in seinen Beispielen meist nicht.

Aber genau darum geht es. "Meine Zahlen zeigen, dass die Kriegsintensität zwischen politisch autonomen Gruppen von Bauern und Viehzüchtern und die damit verbundenen Todesraten höher waren als später in der Staatenwelt", sagt Jürg Helbling. Genau das belegen auch viele Ausgrabungen. Offenbar schwelten in der Zeit vor 7000 Jahren an vielen Orten Mitteleuropas Konflikte. Die Gewalt nahm zu, als sich die Menschen dauerhaft niederließen.

Es fällt auf, "dass sich Befunde wie aus Talheim und Schletz erst einige Generationen nach Einführung der neuen Wirtschaftsweise häufen", schreiben Brock und Homann. "Eine Erklärung wäre eine ökonomische Krise." Die Auseinandersetzungen entstanden, als benachbarte Gruppen miteinander um Besitz und Macht rangen. Im Gebiet des heutigen Deutschlands ist eine erste Gewalteskalation am Ende der Epoche der ersten sesshaften Bauern vor rund 7000 Jahren zu beobachten.

Es ist allerdings schwer, aus dramatischen lokalen Einzelereignissen eine lineare Entwicklung des Kriegsgeschehens zu konstruieren. Die Zahl der Funde aus der Frühzeit reicht dafür nicht aus. Doch ein grober Trend ist durchaus zu erkennen. "In der Frühgeschichte waren Kriege und Gewalt noch in einen rituellen Kontext eingebunden, heute sind sie stark ökonomisch geprägt. Krieg wird zu einer politischen Maßnahme", sagt der Berliner Archäologe Michael Meyer. "Parallel nehmen der Organisationsgrad, das Training und die Ausbildung der Kämpfer in den einzelnen Epochen zu."

Wozu diese Eskalation führen kann, zeigt ein Konflikt zwischen zwei mesopotamischen Stadtstaaten zu einem Zeitpunkt, als gerade die ersten Städte entstanden waren. Das Opfer war die Stadt Hamoukar im Norden des heutigen Syriens. In diesem ersten bekannten Angriffskrieg der Geschichte vor 6000 Jahren kamen bereits Waffen zum Einsatz, die allein den Zweck hatten, den Gegner zu schwächen und zu zerstören. Mit hart gebrannten Lehmkugeln zerstörten die Angreifer aus dem Süden die drei Meter dicke Stadtmauer von Hamoukar und brachten einige wichtige Gebäude zum Einsturz.

Die Aggressoren setzten bis zu zehn Zentimeter große Geschosse ein. "Das war eindeutig kein kleineres Scharmützel, die ganze Stadt war Kriegsgebiet", sagt Clemens Reichel vom Orient-Institut der Universität Chicago. Eingestürzte Mauern und von Kugeln durchsiebte Gebäude zeugen von einem heftigen Bombardement. Auch kleinere Tonkugeln finden sich, manche sind vom Aufprall deformiert. "Der Angriff sollte Angst und Schrecken verbreiten", versichert Reichel. Vermutlich sei er aus südlicher Richtung erfolgt. Die Stadt Uruk, ein aufstrebendes Machtzentrum, könnte dahinter stecken. Jedenfalls siedelten kurz darauf deren Bewohner im eroberten Hamoukar.

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