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Schlachtfeldforschung:Wie der Krieg erfunden wurde

Nahkampf oder Fernwaffen, Frontalangriff oder aus dem Hinterhalt: Vor 7000 Jahren erfanden Menschen die organisierte Gewalt. Die Schlachtfeldarchäologie rekonstruiert Kampf-Szenarien und verändert so die Sicht der Geschichte: Die Römer zum Beispiel kämpften länger als gedacht in Germanien.

Hubert Filser

Dicht stehen die Bäume nahezu den gesamten Hang hoch. Der Bergrücken weiter oben wirkt unpassierbar. Für die römischen Soldaten ist es aber der einzige Weg zurück in den Süden. Die eigentliche Passhöhe haben die germanischen Gegner versperrt.

Doch trotz der Hanglage und der Angriffe aus dem Hinterhalt gelingt es den Römern, ihre überlegenen Waffen einzusetzen. Massive, geschmiedete Katapultbolzen jagen durch den Wald, die Pfeile der syrischen Bogenschützen zeigen ebenfalls Wirkung. Die Römer siegen, wenn auch mit großen Verlusten ihres mehrere zehntausend Mann starken Heeres. Diesmal, es ist das Jahr 235 nach Christus, müssen sich die Germanen geschlagen geben.

Das Szenario lässt sich aufgrund von neuesten Ausgrabungen am Harzhorn in Niedersachsen rekonstruieren. Es ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie die sogenannte Schlachtfeldarchäologie die Sicht der Geschichte verändert. Die in Deutschland noch junge Disziplin beschäftigt sich mit einem alten Phänomen der Menschheitsgeschichte: der organisierten Anwendung von Gewalt.

In angelsächsischen Ländern hat das neue Feld schon etwas länger Zulauf. Ausgrabungen wie die der berühmten Indianerschlacht am "Little Big Horn" in Montana oder auch Fernsehserien wie "Two Men in a Trench" (BBC), in der zwei junge Archäologen die bekanntesten Schlachtfelder der britischen Geschichte mit modernen Techniken erforschen, faszinieren die Öffentlichkeit.

Schlacht-Überreste in einem beschaulichen Waldstück

"Wie Kriege konkret vor sich gegangen sind, können nur die Spuren der Kämpfe selbst verdeutlichen", sagt der Archäologe Michael Meyer von der FU Berlin, einer der Ausgräber auf dem Harzhorn. Die Überreste der Schlacht am Harzhorn haben die Archäologen in einem beschaulichen, ansteigenden Waldstück gefunden. Das Kalkgestein unter der Oberfläche machte den Boden alkalisch und verhinderte, dass die Funde verwitterten. Tausende Sandalennägel der römischen Soldaten und Teile ihrer Schutzpanzer liegen verstreut im Gelände und zeigen, wo gekämpft wurde. Die freigelegten Katapultbolzen und Pfeilspitzen stecken zum Teil noch unverändert in den Felsspalten, in die sie hineingeschossen wurden. Teile des Kampfgeschehens lassen sich daher gut rekonstruieren.

Bisher lassen zwei Stellen mit zahlreichen Funden im mehr als zwei Kilometer langen Schlachtfeld ahnen, wie erbittert die Kämpfe waren. "Der Kampfplatz liegt an der engsten Stelle einer überregionalen Trasse", sagt Meyer. "Es ist der beste Ort, um sich einer Armee in den Weg zu stellen." Offenbar sollten die Römer in eine Falle gelockt werden, zwischen einem Sumpf und dem Bergrücken. Doch diesmal siegten die Römer, eine aus vielen Teilen des Reichs zusammengesetzte Kampftruppe, vermutlich aufgrund der überlegenen Militärmaschinen. Sie zogen aber nach ihrem Sieg schnell in Richtung ihrer rund 350 Kilometer entfernten Heimatlager jenseits des Limes.

Die Funde widerlegen, dass die Römer bereits mit der Varusschlacht im Jahr 9 nach Christus endgültig geschlagen waren. Für diese Behauptung gab es bislang nur unsichere historische Quellen. Die Ausgrabungen am Harzhorn zeigen, dass noch im 3. Jahrhundert ein gewaltiges römisches Heer das Kernland der Germanen durchstreifte, bis zu 15 Tagesmärsche tief in deren Gefilde vordrang. "Mit einer solch massiven Militärpräsenz derart weit innerhalb der Germania Magna war nicht zu rechnen", sagt Meyer.

Die Forscher wollen einzelne Phasen eines Kampfes rekonstruieren

Solche detaillierten Analysen bietet nur die Schlachtfeldarchäologie. Zwar haben Archäologen auch bisher schon Relikte von Kampfhandlungen untersucht, aber neu ist, dass sie sich nun verstärkt kompletten prähistorischen und historischen Kampfplätzen sowie deren Besonderheiten widmen. Wie etwa sind die Unterschiede zwischen Harzhorn und Kalkriese zu erklären, dem mutmaßlichen Schauplatz der Varusschlacht? Meyer berichtet: "In Kalkriese ist das Schlachtfeld beraubt worden, am Harzhorn nicht. In Kalkriese gab es vorwiegend Nahkampf, am Harzhorn haben die Soldaten fast nur Fernwaffen eingesetzt."

Die Forscher wollen im besten Fall aufgrund der archäologischen Fakten einzelne Phasen eines kriegerischen Geschehens rekonstruieren, so wie man es allein mit Dokumenten nie könnte. "Im Idealfall kann es sogar gelingen, Überlieferungslücken zu schließen, falsches Wissen zu korrigieren oder verzerrte, populäre Geschichtsbilder ein Stück weit geradezurücken", schreiben die Archäologen Thomas Brock und Arne Homann in ihrem neuen Buch Schlachtfeldarchäologie (Theiss Verlag). Sie haben darin eine Reihe spannender Ausgrabungen zusammengetragen, vom mehr als 3000 Jahre alten bronzezeitlichen Schlachtfeld am Ufer des Flusses Tollense in Mecklenburg bis hin zu den Kampfplätzen des Ersten und Zweiten Weltkriegs.

Manche Funde verdanken die Forscher dabei dem Zufall. Zum Beispiel dem Umstand, dass der Gemüsebauer und Schnapsbrenner Erhard Schoch ein Frühbeet hinter seinem Haus in Talheim am Neckar anlegen wollte und dabei mit seinem Spaten auf einen Wirrwarr aus menschlichen Skelettresten stieß. Er entdeckte so das früheste bekannte Massaker der Menschheitsgeschichte, einen Massenmord in der Jungsteinzeit vor rund 7100 Jahren. Mehr als die Hälfte der Skelette zeigt schwere, vermutlich tödliche Schädelverletzungen.

Sechs verschiedene Waffen kamen dabei zum Einsatz: verschiedene Flachhacken, Schuhleistenkeile, Steinbeile und Pfeile. Und: Es war ein heimtückischer Überraschungsangriff, die Opfer haben sich nicht gewehrt. Das Mordmotiv war vermutlich Frauenraub. Das kann man aus der Isotopenanalyse des Zahnschmelzes folgern, mit der sich die Herkunft der Skelette ermitteln lässt. Unter den Opfern fanden sich keine Frauen mehr, die am Tatort heimisch gewesen waren.

Als die Menschen seßhaft wurden, stieg die Gewalt

Solche Massaker werfen die Frage auf, ob nicht auch schon die frühen Wildbeuter-Gesellschaften Kriege geführt haben. Doch Experten sind eher skeptisch. "Nach meinen Daten lag die kriegsbedingte Mortalität über weite Strecken der Menschheitsgeschichte praktisch bei null", sagt der Ethnologe Jürg Helbling von der Universität Luzern. "Die frühen hochmobilen Jäger- und Sammler-Gruppen bekriegten sich kaum oder gar nicht, obwohl es auch dort durchaus zu Gewalttaten zwischen Individuen kam. Krieg entstand erst mit dem Ende der Mittel- und dem Beginn der Jungsteinzeit, nahm dann massiv zu und wurde intensiv geführt."

Im österreichischen Asparn/ Schletz etwa haben die Archäologen mehr als 200 Tote entdeckt, Opfer eines Überfalls vor 7000 Jahren. Es gibt Belege dafür, dass sich die Bewohner des Dorfes gewehrt haben, dass wohl über einen gewissen Zeitraum gekämpft wurde. Auf einige ihrer Opfer hatten die Angreifer so heftig eingeschlagen, dass sie bis zu fünf schwere Wunden aufweisen, jede einzelne von ihnen wäre tödlich gewesen.

Autoren wie der Harvard-Psychologe Steven Pinker haben in dieser Debatte für neuen Diskussionsstoff gesorgt. Seit 10.000 Jahren befänden sich alle Formen der Gewalt auf dem Rückzug, sagt Pinker. Das Problem mit seiner Theorie ist allerdings, dass sein Umgang mit Daten und Quellen schlampig ist, seine Begriffe nicht klar definiert sind: "Pinker unterscheidet nicht Gewalt zwischen Individuen und Krieg zwischen Gruppen", sagt Jürg Helbling.

Schlachtfeldarchäologen arbeiten präziser. Todesursachen können sie mit Hilfe von Waffen und deren Gebrauchsspuren rekonstruieren, die Verteilung von Funden erzählt ihnen so wie im Fall Harzhorn etwas über das Kampfgeschehen und die Strategie. Die Art der Waffen, ihre gezielte Entwicklung und der Bau von Verteidigungsanlagen informieren über die Bedrohungslage und wie sich eine Gesellschaft gegen Aggressionen gewehrt hat. Nur anhand dieser Fakten lässt sich zeigen, ob man tatsächlich von kriegerischen Handlungen sprechen kann, also von Gruppenaktivitäten und dem organisierten Einsatz von Gewalt. Um solche Kriterien kümmert sich Steven Pinker in seinen Beispielen meist nicht.

Aber genau darum geht es. "Meine Zahlen zeigen, dass die Kriegsintensität zwischen politisch autonomen Gruppen von Bauern und Viehzüchtern und die damit verbundenen Todesraten höher waren als später in der Staatenwelt", sagt Jürg Helbling. Genau das belegen auch viele Ausgrabungen. Offenbar schwelten in der Zeit vor 7000 Jahren an vielen Orten Mitteleuropas Konflikte. Die Gewalt nahm zu, als sich die Menschen dauerhaft niederließen.

Es fällt auf, "dass sich Befunde wie aus Talheim und Schletz erst einige Generationen nach Einführung der neuen Wirtschaftsweise häufen", schreiben Brock und Homann. "Eine Erklärung wäre eine ökonomische Krise." Die Auseinandersetzungen entstanden, als benachbarte Gruppen miteinander um Besitz und Macht rangen. Im Gebiet des heutigen Deutschlands ist eine erste Gewalteskalation am Ende der Epoche der ersten sesshaften Bauern vor rund 7000 Jahren zu beobachten.

Es ist allerdings schwer, aus dramatischen lokalen Einzelereignissen eine lineare Entwicklung des Kriegsgeschehens zu konstruieren. Die Zahl der Funde aus der Frühzeit reicht dafür nicht aus. Doch ein grober Trend ist durchaus zu erkennen. "In der Frühgeschichte waren Kriege und Gewalt noch in einen rituellen Kontext eingebunden, heute sind sie stark ökonomisch geprägt. Krieg wird zu einer politischen Maßnahme", sagt der Berliner Archäologe Michael Meyer. "Parallel nehmen der Organisationsgrad, das Training und die Ausbildung der Kämpfer in den einzelnen Epochen zu."

Wozu diese Eskalation führen kann, zeigt ein Konflikt zwischen zwei mesopotamischen Stadtstaaten zu einem Zeitpunkt, als gerade die ersten Städte entstanden waren. Das Opfer war die Stadt Hamoukar im Norden des heutigen Syriens. In diesem ersten bekannten Angriffskrieg der Geschichte vor 6000 Jahren kamen bereits Waffen zum Einsatz, die allein den Zweck hatten, den Gegner zu schwächen und zu zerstören. Mit hart gebrannten Lehmkugeln zerstörten die Angreifer aus dem Süden die drei Meter dicke Stadtmauer von Hamoukar und brachten einige wichtige Gebäude zum Einsturz.

Die Aggressoren setzten bis zu zehn Zentimeter große Geschosse ein. "Das war eindeutig kein kleineres Scharmützel, die ganze Stadt war Kriegsgebiet", sagt Clemens Reichel vom Orient-Institut der Universität Chicago. Eingestürzte Mauern und von Kugeln durchsiebte Gebäude zeugen von einem heftigen Bombardement. Auch kleinere Tonkugeln finden sich, manche sind vom Aufprall deformiert. "Der Angriff sollte Angst und Schrecken verbreiten", versichert Reichel. Vermutlich sei er aus südlicher Richtung erfolgt. Die Stadt Uruk, ein aufstrebendes Machtzentrum, könnte dahinter stecken. Jedenfalls siedelten kurz darauf deren Bewohner im eroberten Hamoukar.

Eingefrorene Szenen des Kampfes

Die Indizien für eine Evolution der Kriege mehren sich. Gab es anfangs nur Jagdwaffen, entwickelten Menschen nach und nach gezielt Waffen für den Krieg, Kanonenkugeln oder Schwerter etwa. Zudem bekamen die Kämpfer professionellere Ausrüstungen, die Angriffe wurden geplanter, was man auch an den differenzierter werdenden Abwehrbollwerken erkennen kann. Die Kriegsführung ist auch ein Spiegel der immer komplexer werdenden Staatsstrukturen. Die Kriege erlangen das Potential, ganze Gesellschaften zum Kollaps zu bringen.

Was die Archäologie heute vermag, zeigen musterhaft die Forschungen zur Schlacht bei Lützen im November 1632, eine der Hauptschlachten des 30-jährigen Krieges, bei der sich die kaiserlichen und die schwedischen Truppen gegenüberstanden und der schwedische König Gustav II. Adolf erschossen wurde. So zeigen zum Beispiel historische Darstellungen ein angeblich von Wallenstein ausgeklügeltes Doppelgrabensystem, das von Reitertruppen kaum zu überwinden gewesen wäre. Der Befund vor Ort zeigt, dass es diese Gräben überhaupt nicht gab, und wenn doch, sahen sie komplett anders aus als im Bild.

Im Auftrag des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt haben Archäologen um André Schürger das Schlachtfeld von Lützen auch mit Metalldetektoren untersucht. Auf drei Millionen Quadratmeter kämpften die Heere damals. 7000 von insgesamt 36 000 Soldaten starben. Die Forscher haben bislang 3000 Metallobjekte im Boden entdeckt, die sich der Schlacht zuordnen lassen, vor allem Bleikugeln für Handfeuerwaffen unterschiedlicher Größe. Mit Hilfe dieser Kugeln hat Schürger das Kampfgeschehen analysiert, die Kugeln ließen sich bestimmten Waffen zuordnen, diese wiederum bestimmten Truppenteilen wie Infanterie oder Kavallerie. So konnten die Forscher die Angriffswellen einzelner Heeresteile rekonstruieren. Es ist, als würde man in eine Zeitmaschine steigen und für Momente in ein längst vergangenes Schlachtgetümmel eintauchen.

Manchmal stoßen die Forscher auch auf die eingefrorenen Szenen des Krieges, so etwa in Stralsund, wo Befestigungsanlagen untersucht werden: In einem Graben lagen zwei Männer, die noch ihre Lederschuhe anhatten. Nach der Belagerung im Jahr 1628 sind die Männer offenbar liegengelassen und mit Erde bedeckt worden. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet mit Musketen, Lanzen mit Eisenspitzen und einem Morgenstern. Es nützte nichts. Einer der Männer starb an einer aus der belagerten Stadt Stralsund abgefeuerten Pistolenkugel, die noch heute in seinem Brustkorb steckt.

© SZ vom 21.04.2012/fran
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