ArchäologieDer Neandertaler und seine „Fett-Fabrik“

Lesezeit: 3 Min.

Lange stellte man sich Neandertaler zu unrecht als technisch wenig bewandert vor, wie auf dieser Darstellung aus dem Band „L'homme primitif“ von 1870.
Lange stellte man sich Neandertaler zu unrecht als technisch wenig bewandert vor, wie auf dieser Darstellung aus dem Band „L'homme primitif“ von 1870. IMAGO/Ken Welsh/UIG
  • Neue Funde in Mitteldeutschland deuten darauf hin, dass Neandertaler vor etwa 125.000 Jahren systematisch Knochen großer Säugetiere zerlegten und auskochten, um Fett zu gewinnen.
  • Archäologen entdeckten auf einer 50 Quadratmeter großen Fläche Knochenfragmente, Feuersteinwerkzeuge und weitere Artefakte, die auf eine effiziente Ressourcennutzung der Neandertaler hinweisen.
  • Die Verwendung des extrahierten Fetts ist unklar. Es könnte zur Herstellung haltbarer Nahrungsmittel, aber auch anderen Zwecken gedient haben.
Von der Redaktion überprüft

Dieser Text wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Knochenmark enthält wertvolle Nährstoffe. Neue Funde aus Mitteldeutschland zeigen nun: Schon Neandertaler könnten systematisch Karkassen ausgekocht haben. Aber was machten sie mit dem gewonnenen Fett?

Von Lisa Nguyen

Seit einigen Jahren gibt es den Wellnesstrend, Knochenbrühe für das allgemeine Wohlbefinden zu trinken. Anhänger schwören: Das ausgekochte Gemisch aus Karkassen mache sowohl Haut als auch Gelenke geschmeidiger. Doch was heutzutage manchen als Superfood-Geheimtipp gilt, ist eine Kulturtechnik, die womöglich noch viel älter ist als bislang angenommen.

Denn schon der Homo neanderthalensis könnte um die wertvollen Nährstoffe im tierischen Knochenmark gewusst haben. Um daran zu gelangen, zerschlugen Neandertaler wohl systematisch die Knochen von großen Säugetieren und kochten diese in Wasser aus. Dieses Vorgehen gleiche einer Art prähistorischer „Fett-Fabrik“, schreibt ein Team um den Archäologen Lutz Kindler vom Archäologischen Forschungszentrum Monrepos der Leibniz-Gemeinschaft in einer kürzlich veröffentlichten Studie in der Fachzeitschrift Science Advances.

Belege für diese Verarbeitung soll der Fundort Neumark-Nord 2 liefern, der sich zehn Kilometer südlich von Halle befindet. Dort fanden die Forscher Knochen von mindestens 172 Großsäugern wie Rindern, Pferden und Auerochsen, die die Neandertaler gezielt zerteilt haben sollen. Auf einer gerade einmal 50 Quadratmeter großen Fläche bargen die Forscher 120 000 Knochenfragmente, 16 000 Feuersteinwerkzeuge und weitere Artefakte. Die „außergewöhnlich gut erhaltenen“ Überreste stammen demnach aus der Eem-Warmzeit vor rund 125 000 Jahren, als das Klima etwas wärmer war als heute.

Der Fund zeigt, auf welche komplexe Weise Neandertaler Ressourcen verwerteten

Das Forscherteam geht davon aus, dass die Neandertaler mehrfach im Jahr in der Region Neumark-Nord auf Jagd gingen. Ihre Beute zerlegten sie vermutlich direkt vor Ort; überschüssige Teile, vor allem fetthaltige Knochen, lagerten sie in Depots. Innerhalb kurzer Zeit sollen sie dann die Karkassen eingesammelt und an den heutigen Fundort gebracht haben, um dort Mark und Fett zu gewinnen. Die Archäologen fanden dort vor allem nährstoffreiche Knochenreste, wie etwa Langknochen, Unterkiefer und Schädel. Nährstoffarme Teile wie Fußknochen kamen hingegen deutlich seltener vor.

Bereits 2023 fanden Forscher heraus, dass Neandertaler in dieser Gegend auch Europäische Waldelefanten jagten, also die größten Landsäugetiere des Pleistozäns. In den 1980er-Jahren hatte der Archäologe Dietrich Mania an diesem Ort die Überreste von Dutzenden Tieren entdeckt, die bei Arbeiten in einer Braunkohlegrube zum Vorschein traten.

Die Autoren beschreiben ihren Fund als „bahnbrechend“. Er verändere das bisherige Verständnis davon, wie Neandertaler sich ernährt haben und zeige, dass sie deutlich früher als angenommen in der Lage waren, Ressourcen auf komplexe und arbeitsintensive Weise zu verwerten.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Patrick Schmidt aus der Abteilung für ältere Urgeschichte der Universität Tübingen. Zwar ist bekannt, dass moderne Menschen schon im Jungpaläolithikum ihre Beutetiere bis zum Knochenmark zerlegten, also am Ende der Kaltzeit, die auf die Eem-Warmzeit folgte. „Die Erkenntnis, dass Neandertaler bereits mehr als siebzigtausend Jahre zuvor auf dieselben Techniken zurückgriffen, ist jedoch neu“, sagt Schmidt. Die Studie zeige auf „beeindruckende Weise“, wie effizient Neandertaler mit ihren Ressourcen umgingen. Zusammen mit zahlreichen anderen neuen Funden über die nahen Verwandten des modernen Menschen werde deutlich, dass bereits frühe Jäger und Sammler ausgefeilte technische Fertigkeiten beherrschten.

Doch wie nutzten die Neandertaler das extrahierte Fett? Klar ist: Die Ernährung des Neandertalers war wahrscheinlich nicht besonders ausgewogen; er ernährte sich hauptsächlich von tierischen Proteinen und brauchte zusätzlich dazu Kohlenhydrate und Fette. Dass die Neandertaler das Fett auskochten, abschöpften und direkt aßen, sei möglich, erklärt Studienautor Kindler. „Eine Vorratswirtschaft ist aber auch sehr naheliegend“, fügt er hinzu. Andere historische Jäger und Sammler hätten proteinreiches Fleisch zerstampft und mit Tierfetten angereichert. Diese Kost sei in Nordamerika auch als „Pemmikan“ bekannt, das über ein Jahr haltbar sei. Die Neandertaler könnten mit dem Fett also „gute, lang haltbare und kalorienreiche Nahrungsmittel“ hergestellt haben, meint Kindler.

Es könnte aber auch anderen Zwecken gedient haben. Kindler spricht von Jägern und Sammlern, die tierische Fette einsetzten, um Kleidung einzureiben, Pflanzenfasern geschmeidig zu halten oder als eine Art Sonnencreme auf die Haut zu schmieren. „Die Bandbreite ist sehr groß“, sagt der Archäologe. „Ob man das alles auf Neandertaler übertragen kann, dafür fehlen uns noch die Belege.“

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Klimakrise
:Wie bewahrt man eine Kultur vor dem Untergang?

Weil der Meeresspiegel steigt, könnte Tuvalu in wenigen Jahrzehnten unbewohnbar sein. Wie Archäologen versuchen, zumindest das kulturelle Erbe zu retten.

SZ PlusVon Jakob Wetzel

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: