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Neandertaler:Der Kleber der Streber

Neandertaler

Die Neandertaler benutzten Birkenpech unter anderem, um Spitzen an ihren Speeren zu befestigen.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)
  • Schon Neandertaler nutzten Birkenpech als Klebstoff.
  • Da die Herstellung als technisch anspruchsvoll galt, wurde den Steinzeitmenschen eine hohe Intelligenz bescheinigt.
  • Nun haben Forscher jedoch eine viel einfachere Methode entdeckt, mit der Birkenpech hergestellt werden kann.

Sie befestigten Pfeilspitzen damit am Schaft, flickten zerbrochene Keramik wieder zusammen und dichteten Holzgefäße ab: Für Steinzeitmenschen wie den Neandertaler war Birkenpech eine Art Allzweckkleber. Archäologen wiederum galt die teerige Substanz lange Zeit als Beleg für die ausgesprochene Intelligenz der ausgestorbenen Menschenart. Immerhin ist die Herstellung von Birkenpech technisch sehr anspruchsvoll. Oder etwas nicht?

Wie ein Forscherteam der Universität Tübingen in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Proceedings of the National Academy of Sciences berichtet, gibt es verschiedene Methoden, um Birkenpech mit steinzeitlichem Equipment herzustellen - und eine davon ist erstaunlich simpel.

Bisher waren Wissenschaftler davon ausgegangen, dass der Herstellung von Birkenpech ein komplizierter physikalischer Prozess zugrunde liegt. Demnach muss die Baumrinde zwingend unter Luftabschluss erhitzt werden und die Temperatur etwa 350 Grad Celsius betragen. Nur dann, so hieß es, verbrennt die Rinde nicht vollständig, sondern verschwelt lediglich, wodurch zunächst Birkenteer und nach einigen Stunden dann das klebrige Birkenpech entstehe. Dazu hätten die Neandertaler die Birkenrinde jedoch in Höhlen, Gruben oder abgedeckt von Keramikbehältern verbrennen und zugleich die Temperatur relativ konstant halten müssen. Ein solches Verfahren hätte tatsächlich ein beachtliches physikalisches Know-how erfordert. Also schrieb man den Menschen der Steinzeit hohe kognitive Fähigkeiten zu.

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Erste Risse hatte diese Theorie allerdings schon 2016 bekommen: Archäologen der niederländischen Universität Leiden konnten damals zeigen, dass die Verbrennungstemperatur keineswegs exakt 350 Grad betragen muss, sondern lediglich zwischen 200 und 500 Grad Celsius liegen sollte. In der aktuellen Studie widerlegen Patrick Schmidt und Claudio Tennie nun auch noch die Ansicht, das Pech müsse ohne Zufuhr von Luft erhitzt werden.

In ihren Experimenten, für die sie ausschließlich steinzeitliche Materialien verwendeten, konnten die Archäologen belegen: Es reicht bereits, die Rinde in der Nähe von aufrecht stehenden Kieselsteinen mit glatter Oberfläche zu verbrennen. Nach einigen Stunden sammelt sich klebriges Birkenpech auf der Oberfläche der Steine und kann ganz einfach abgeschabt werden. Wie die Forscher ebenfalls zeigen konnten, reicht die Klebkraft dieses Selfmade-Birkenpechs tatsächlich aus, um Steinklingen an Holzschäfte zu heften. Ihre Analysen ergaben sogar, dass das simpel hergestellte Birkenpech besser klebt als solches, das unter Sauerstoffabschluss entstanden ist.

Ihre neu entdeckte Methode sei so einfach, dass die Neandertaler sie auch zufällig während ihrer Alltagsaktivitäten entdeckt haben könnten, schreiben die Wissenschaftler. Damit wäre auch denkbar, dass die Steinzeitmenschen ihr Wissen nicht weitergaben, sondern die klebende Eigenschaft des Birkenpechs mehrmals unabhängig voneinander entdeckten. Mit ihrer Studie entziehen sie der in der Wissenschaft laufenden Debatte zu den geistigen Fähigkeiten der Neandertaler womöglich ein wichtiges Argument, sagt Schmidt in einer Mitteilung der Universität. Doch Schmidt spornt die Kollegen auch an: Dass Neandertaler geistig bereits hoch entwickelt waren, müsse man nun eben auf andere Weise belegen.

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