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Naturerlebnis:Rehauge und Hirschferkel vor der Linse

Vietnam-Kantschil wiederentdeckt

Das Vietnam-Kantschil galt als ausgestorben. Erst Wildtierkameras konnten beweisen, dass es das sonderbare Tier tatsächlich noch gibt.

(Foto: Andrew Tilker/SIE/GWC/Leibniz-IZW/NCNP/dpa)
  • Sogenannte Trailcams bieten schon im eigenen Garten erstaunliche Einblicke in die Tierwelt.
  • Auch die Forschung profitiert von den neuen digitalen Geräten - und könnte sie noch stärker nutzen.
  • Die Hersteller entwickeln die Kameras trotz rechtlicher Probleme aber fast nur noch für den Freizeitbedarf.

Es schnuppert, es stupst, und immer hat es die Augen dabei weit geöffnet. Der sonderbare kleine Kasten am Baum hat die Neugier des Rehs geweckt und beschert Tim Harrell jetzt wunderschöne Aufnahmen. Selbst der zarte Wimpernkranz des Tiers ist auf dem Video zu erkennen, wie in einen tiefen Ozean sinkt man in die dunklen Augen. Später streift dann ein Bock mit abgebrochenem Geweih vorbei, ein Kojote versucht sogar, mit dem Gerät zu spielen. Auch Schwarzbären und Alligatoren hat Harrell aus einer Nähe betrachtet, die selbst Profifilmer selten erleben. Tim Harrell schafft das, ohne selbst anwesend zu sein. Alle paar Wochen kommt er vorbei, um seine Wildtierkameras in den Sümpfen Floridas einzusammeln - um zu sehen, was wenige Menschen jemals zu Gesicht bekommen. Seine Erlebnisse postet er dann auf Youtube.

Man muss aber nicht in Florida wohnen, um mithilfe der kleinen, in Tarnfarben gehaltenen Kästen einem Reh in die Augen zu schauen. Die Beobachtung von Tieren mit Wildtierkameras klappt auch in hiesigen Gefilden - und selbst auf der hauseigenen Terrasse, im Garten oder, besonders ertragreich, am Futternapf des frei laufenden Katers. Der Aufwand ist vergleichsweise gering, viele der wetterfesten Selbstauslöserkameras lassen sich heute online bestellen, sind rasch mit Batterien und einer Speicherkarte bestückt und schließlich an einen Baum oder Pfosten geschnallt. Und es lohnt sich, denn wer ahnt schon, wie sich nachts, wenn der Mensch schläft, die Hoheitsverhältnisse ändern.

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Da teilen sich Igel und Waschbär in trauter Zweisamkeit das Katzenfutter, streift der Fuchs immer wieder durch das vermeintlich fuchssichere Hühnergehege, flitzen Waldmäuse aus Nischen und Löchern heraus und springt der Steinmarder mit gefiederter Beute im Maul geschickt am Dachvorsprung empor, um durch ein kleines Loch in seine Unterkunft zu gelangen. Wer meint, er sei als Mensch Herr in seinem Haus, erfährt durch Wildtierkameras bisweilen, dass er bloß Untermieter ist.

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(Foto: dpa)

Auch Fachleute haben ihre Freude an den Kameras. Constanze Eiser zum Beispiel. Die brandenburgische Wolfsbeauftragte für die westliche Niederlausitz hat zwei private Trailcams, wie die Geräte auf Englisch heißen, auf ihrem Hof installiert. "Ich weiß deshalb, dass sich am Zaun bei meinen Ziegen gelegentlich Wölfe herumtreiben", sagt die Biologielehrerin. "Und an meinem Kompost feiern Igel und Waschbären regelmäßig Partys." Neben solchen teils lustigen Erlebnissen haben die Kameras für Eiser aber vor allem professionellen Wert, sie nutzt seit Jahren teure Leihgaben des Landesumweltamts für die Suche nach Wölfen. Musste man sich beim Monitoring früher auf die Deutung von Losungen und anderer Spuren verlassen, erfassen die Kameras die Wölfe heute direkt. Das erlaubt teilweise sogar eine individuelle Beschreibung der Tiere - und es hilft der Forschung, mehr über den Wolf zu lernen.

Überhaupt, die Forschung: Andreas Wilting vom Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin hat mit Studienleiter An Nguyen vor wenigen Wochen eine Entdeckung in Nature Ecology and Evolution veröffentlicht, die Wildtierkameras im Süden Vietnams ermöglicht hatten. Das Forscherteam spürte mithilfe von 30 Kameras gleich mehrere Exemplare des Vietnam-Kantschils auf. Das Säugetier galt eigentlich als ausgestorben. Lokale Augenzeugen hatten zwar berichtet, das rehartige Wesen gesehen zu haben. Doch niemand konnte diese Berichte überprüfen. Erst auf den gestochen scharfen Bildern der modernen Fotofallen war das hasengroße Hirschferkel mit der silbernen Fellzeichnung klar zu erkennen. "Es sind immer noch wenige Exemplare, die streng geschützt werden müssen", sagt Wilting. Dem digitalen Fortschritt billigt er einen entscheidenden Anteil an der Entdeckung zu. "Klassische Fotofallen haben mit analogen Filmen gearbeitet, da passten 36 Aufnahmen drauf." Wildtierkameras hingegen zeichnen Tausende Bilder und Hunderte Videos auf.