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Natur - Erfurt:Wartburgkreis: Weitere Wölfin in Thüringen heimisch geworden

Deutschland
Ein Wolf (Canis lupus) steht in einem Wildpark in seinem Gehege. Foto: Alexander Heinl/dpa/Symbolbild (Foto: dpa)

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Erfurt (dpa/th) - Die Nachricht über die feste Ansiedlung einer weiteren Wölfin in Thüringen ist beim Nabu Thüringen weitgehend positiv aufgenommen worden. "Wir freuen uns riesig, dass nach vielen Jahren eine Wölfin nicht nur durch Thüringen durchwandert, sondern auch hier bleibt. Bisher haben wir ja nur das Rudel in Ohrdruf", sagte Silvester Tamás am Mittwoch. Bei der Naturschutzorganisation Nabu Thüringen ist er der Fachmann für die größeren Beutegreifer Wolf und Luchs.

Das Umweltministerium von Anja Siegesmund (Grüne) hatte zuvor mitgeteilt, dass eine aus einem Wolfsrudel in Brandenburg stammende Fähe im Wartburgkreis sesshaft geworden sei. Experten haben demnach dort Spuren des Tiers über einen Zeitraum von etwa einem Jahr nachweisen können. Daher stufe das beim Ministerium angesiedelte Kompetenzzentrum Wolf/Biber/Luchs das Tier, das sich im Gebiet um Zella/Rhön aufhalte, nun als standorttreu ein. Genetische Spuren der Wölfin konnten etwa an gerissenen Wildtieren nachgewiesen werden.

Tamás betonte, dass die Beobachtung in dem Gebiet nun ausgebaut werden sollte. Mehr Struktur sei nötig, um möglichst viele Daten zu dem Tier erfassen zu können. Dazu sei auch eine gute Zusammenarbeit zwischen Behörden, ehrenamtlichen Naturschützern, Weidetierhaltern und Jägern vor Ort nötig. "Wir brauchen eine vertrauensvolle Zusammenarbeit."

Der Landesjagdverband Thüringen hielt sich derweil noch zurück mit einer Beurteilung der Situation. "Es war zu erwarten, dass es nicht beim Ohrdrufer Rudel bleibt. Man muss nun sehen, wie sich das weiter entwickelt", sagte der Geschäftsführer Frank Herrmann. Offensichtlich habe die Wölfin einen Lebensraum gefunden, der ihr zusage. Welche Auswirkungen das auf die Natur und dortige Tierhalter habe, werde sich noch zeigen.

Lange Zeit galt eine Wölfin mit Revier bei Ohrdruf (Landkreis Gotha) als Thüringens einzige standorttreue Vertreterin ihrer Art. Inzwischen hat sich aber auch ein männlicher Wolf zu ihr gesellt. Experten gehen davon aus, dass sich die Tiere paarten und im Frühjahr 2020 Jungtiere zur Welt kamen. Diese gelten als erster bekannter Wolfsnachwuchs in Thüringen seit 150 Jahren. Zudem gilt die Wolfsfamilie bei Ohrdruf als Thüringens einziges bekanntes Rudel.

Eigentlich müsste es schon deutlich mehr Wölfe im Freistaat geben, sagte Tamás gerade auch mit Blick auf die Populationen in anderen Bundesländern. "Wir vermuten, dass es entweder mehr Wölfe und auch Luchse im Freistaat gibt als bislang bekannt ist, aber entsprechende Meldungen nicht gemacht werden, oder dass es tatsächlich so ist, dass auch in Thüringen eine vergleichsweise hohe Dunkelziffer an Wölfen illegal erlegt wird." Auch deshalb müsse das Monitoring zum Schutz der Tiere ausgebaut werden.

Die Rückkehr der Wölfe ist nicht unumstritten. Schäfer und andere Viehhalter fürchten um ihre Tiere, wenn diese auf Weiden stehen. Das Land unterstützt finanziell verschiedene Schutzmaßnahmen gegen Wolfsangriffe, darunter die Anschaffung spezieller Zäune und von Herdenschutzhunden, zu 100 Prozent.

Gerade bei der Ohdrufer Wölfin hatte sich in der Vergangenheit aber auch noch eine andere Herausforderung ergeben. Sie hatte sich früher wohl in Ermangelung eines Artgenossen mit einem Haushund gepaart und sogenannte Hybride zur Welt gebracht. Die meisten dieser Mischlinge wurden behördlich genehmigt geschossen. Eigentlich sind Wölfe streng geschützt und dürfen nur in Ausnahmefällen erlegt werden. Bei den Hybriden befürchteten Experten aber, dass sie den Genpool freilebender Wölfe verwässern könnten und somit in gewisser Weise auch eine Bedrohung für die Art darstellten.

Wolfexperte Tamás befürchtet, dass ein ähnliches Szenario auch mit der neuen Wölfin im Wartburgkreis möglich sein könnte. "Gerade dort, wo Wölfinnen alleine da sind, ist es besonders wichtig hinzuschauen und das Monitoring zu verstärken." So ließe sich mit Wildkameras etwa auch nachweisen, wenn Hunde in dem Gebiet immer wieder auftauchten. Sei das der Fall müssten die Hunde gefangen werden, meint Tamás. "Ansonsten beginnt das ganze Spiel, das wir in Ohrdruf hatten, dort noch einmal."

© dpa-infocom, dpa:210127-99-186810/3

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