Wenn eine Liebe zerplatzt und in Verachtung umschlägt, stellt sich die Frage nach dem Warum. Gegenwärtig taucht dann gerne eine pseudopsychologische Universalerklärung auf: Der Partner sei ein Narzisst gewesen, oft erweitert um das beliebte Missfallensadjektiv „toxisch“. Diese Deutung hat eine steile Karriere erlebt. So argumentiert zum Beispiel die britische Psychotherapeutin Jo Mercer in einem Fachbeitrag, dass mittlerweile unzählige Menschen Beziehungsprobleme durch die Narzissmus-Linse betrachten und Online-Foren mit entsprechend interpretierten Fallberichten befüllen.
Dabei wirkt es so, dass der Narzissmus-Vorwurf im Beziehungskontext eher gegenüber Männern formuliert wird. Trifft hingegen Frauen der Vorwurf toxisch übersteigerter Selbstbezogenheit, bekommen sie dies meist in ihrer Eigenschaft als Mutter von ihren Töchtern zu hören: Eine unglückliche Kindheit sei Folge des Zusammenlebens mit einer narzisstischen Bezugsperson.
Ganz ohne Glauben an den Wert des eigenen Ichs lässt sich auch nicht gut leben
Der Vorwurf des Narzissmus hat in den vergangenen Jahren eine enorme Inflation erlebt, die ihn praktisch entwertet hat, schreiben auch Psychiater in einer aktuellen Studie im Fachjournal Personality and Mental Health. Heute jemanden als narzisstisch zu bezeichnen, lasse sich mehr als Beleidigung denn als Diagnose verstehen. In ihrer Arbeit zeigen die Forscher um David Kealy anhand einer Befragung von US-Bürgern, dass viele Menschen Narzissmus als nahezu allgegenwärtig empfinden. 68,6 Prozent der Teilnehmer stimmten der Ansicht zu, dass es vor narzisstischen Menschen auf dieser Erde nur so wimmele. 59,7 Prozent sagten, sie hätten bereits Verletzungen durch narzisstische Personen erlebt.
Die Zahlen spiegeln primär die Karriere des Populärvorwurfes „Narzissmus“ wider. Allerdings, sagt Mitja Back, der an der Universität Münster zum Thema arbeitet, verwendeten die Studienautoren den Begriff selbst unscharf: „Sie unterscheiden nicht sauber zwischen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung und Narzissmus als Persönlichkeitseigenschaft“, sagt der Psychologe. Während die pathologische Variante laut Schätzungen grob ein Prozent der Menschen betreffe, steckten narzisstische Persönlichkeitsanteile zu einem individuellen Grad in jedem Menschen. „Und das hat nicht nur negative, sondern auch positive Konsequenzen“, sagt Back. Grob gesagt: Ganz ohne Glauben an den Wert des eigenen Ichs lässt sich auch nicht gut leben.
In den Daten der Psychiater um Kealy scheint auch eine längst widerlegte Zeitgeistdiagnose auf, nämlich jene von der vermeintlich grassierenden Narzissmus-Epidemie. „Es gibt keinen Anstieg“, sagt Back. Im Gegenteil, große Metaanalysen legen sogar nahe, dass die Menschen heute im Schnitt ein klitzekleines bisschen weniger narzisstisch sind als noch vor einiger Zeit. Was sich hingegen geändert hat: „Es gibt mehr Spielwiesen, auf denen Menschen mit hohem Narzissmus sichtbar sind“, sagt Back. Die sozialen Medien zum Beispiel lassen sich als gigantische Bühne für Selbstdarsteller begreifen. Und weil diese Selbstdarsteller so allgegenwärtig sind, wirkt die Zeitgeistdiagnose „Narzissmus“ meist zutreffend.

