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Nanosatelliten:Die Vision: ein erdumspannender Scanner, der die Erde ablichtet

Seager will das ändern. Ihre Cube-Satelliten sollen nach neuen fernen Welten suchen. Ein Prototyp wird von 2016 an seine hochempfindliche Kamera auf einen einzigen Stern richten und diesen, wenn alles gut geht, gut zwei Jahre nicht mehr aus der Linse lassen. "Wenn sich ein Exoplanet von der Erde aus gesehen vor seinen Stern schiebt, verdunkelt er das Licht des Sterns ein wenig", sagt Seager. Dadurch kann man einen Planeten in dem fernen Sternsystemen entdecken.

Irgendwann, hofft die Forscherin, wird ein ganzer Schwarm ihrer Späher im All schweben und als Kollektiv einen weitaus größeren Teil des Himmels absuchen als bislang möglich. Die Weltraumteleskope Hubble, Kepler oder das geplante, knapp acht Milliarden Euro teure James-Webb-Teleskop können stets nur einen kleinen Ausschnitt des Firmaments ins Visier nehmen. Die Entwicklung des ersten Cubesat-Planetenjägers kostet noch Millionen Dollar. Doch für jeden weiteren, schätzt Seager, wird man nur 80 000 Dollar aufwenden müssen - ein Bruchteil dessen, was Weltraumteleskope kosten.

In diesem wie anderen Fällen ist allerdings fraglich, ob Kleinsatelliten die Aufgaben der großen Weltraum-Missionen übernehmen können. Bestenfalls könnten sie langfristig wohl eine kostengünstige Ergänzung sein. Navigation, Nachrichtenaufklärung, Telekommunikation, Erdbeobachtung und astronomische Forschung: All das können prinzipiell auch die kleinen Trabanten, allerdings längst nicht so gut wie ihre großen Brüder. Schließlich ist im Inneren der Cubesats nur wenig Platz. Zudem funktionieren die Sparversionen unter den Satelliten noch lange nicht optimal. Viele fallen im Orbit aus, melden sich gar nicht mehr. Auch am Antrieb hapert es, denn in den Winzlingen ist kein Platz für Treibstoff.

648 Kleinsatelliten

will der ehemalige Google-Mitarbeiter Greg Wyler mit seiner Firma Oneweb ins All bringen, um auf der Erde einen schnellen und günstigen Zugang zum Internet anzubieten. Kleine, mobile Bodenstationen sollen das Signal der Satelliten empfangen und gleichzeitig als Funkmasten dienen, über die Smartphones und Computer ins Internet kommen. Das soll Funklöcher stopfen und Helfern nach Erdbeben oder Wirbelstürmen eine Netzverbindung ermöglichen. Im Juni ist der Airbus-Konzern in das Projekt eingestiegen. Die ersten der kaum 150 Kilogramm schweren Satelliten soll Virgin Galactic, das private Raumfahrtunternehmen, im Jahr 2018 ins All transportieren.

Aber die Cubesats verändern schon jetzt die Raumfahrt. Diese verwandelt sich zunehmend in ein Geschäftsfeld für Start-up-Unternehmer wie Dan Berkenstock und Julian Mann. Die beiden bastelten einst mit Robert Twiggs an der Stanford University an den ersten Modellen der Cubesats. 2009 gründeten sie gemeinsam die Firma Skybox. Ihr Ziel: Kleine Satelliten sollen hochauflösende Bilder der Erde schießen. Manch ein Unternehmen, so kalkulieren sie, könnte Interesse daran haben, die Erde aus dem All überwachen zu lassen - seien es Minenbetreiber, Raffinerien oder Pipelines, Containerschiffe auf den Weltmeeren, Rodungen in Forsten oder Ernten auf Getreidefeldern.

Google investierte 500 Millionen

Den weitaus kostbareren Schatz aber könnten die Mitarbeiter von Skybox selbst aus den Bildern heben und teuer verkaufen. Zum Beispiel die Zahl von Autos zu einem bestimmten Zeitpunkt, die Zahl der Öltanker auf dem Weg nach China oder die nächtliche Helligkeit der Siedlungen entlang des Ganges in Indien. Solche Informationen geben Einblick in die Entwicklung von Industrien, von Regionen oder ganzen Nationen - und sind deshalb wertvoll für Investoren, Politiker, Journalisten, Wissenschaftler oder Umweltschützer.

Im Jahr 2013 entsandte Skybox den ersten Satelliten ins All, vergangenes Jahr den zweiten. Es sind Würfel, die deutlich größer sind als die Uwes aus Würzburg. Eine Skybox ist so groß wie ein Kühlschrank und 100 Kilogramm schwer. Das Konzept des Start-ups scheint aufzugehen: Die ersten Bilder der hochauflösenden Kamera an Bord der Skybox waren so überzeugend, dass Google die Firma 2014 für 500 Millionen Dollar übernahm. Mehr als 100 Ingenieure, Programmierer und andere Spezialisten arbeiten heute daran, in wenigen Jahren 24 der Mittelformat-Satelliten im Weltall zu positionieren. Vielleicht übernehmen sie einmal die Aufgabe des 2800 Kilogramm schweren Satelliten, der derzeit Bilder für die Erdbeobachtungs-Software "Google Earth" liefert.

Skybox ist nicht das einzige Unternehmen, das versucht, den Orbit für sich zu erobern. Auch die Firma Planetlabs aus San Francisco will hochauflösende Bilder von der Erde schießen und verkaufen - und sie nutzt dazu kleine Cubesats. Die Mini-Späher werden von der Internationalen Raumstation ISS aus in regelmäßigen Abständen ausgesetzt. So sollen sie einen erdumspannenden Scanner formen, der den gesamten Planeten rund um die Uhr ablichtet. 131 Mini-Satelliten sollen am Ende einen Schwarm bilden, 78 hat Planetlabs bereits positioniert.