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Psychologie:"Wie heißen Sie?"

„Menschen haben häufig fehlerhafte Ansichten über ihre eigenen Fähigkeiten“, fanden Psychologen heraus.

(Foto: Getty Image; Collage Jessy Asmus/SZ.de)

In der Regel glauben Leute, besser als der Durchschnitt zu sein. Bei einer Fähigkeit halten sich die Meisten jedoch höchstens für Mittelmaß: beim Merken von Namen.

Die peinlichsten Momente während geschäftlicher Treffen ergeben sich oft in den ersten Minuten. Man ist leicht nervös, weiß nicht recht, ob die Vorbereitung ausreichend war, und jetzt muss jeder Satz sitzen, bloß nicht blamieren. Dann die Vorstellungsrunde, Herr Sowieso, Frau Soundso, schön Sie kennenzulernen, ja, wir freuen uns auch. Blackout, Festplatte im Kopf formatiert - alle Namen in Windeseile wieder vergessen. Und so beginnt der vorsichtige und ebenso unbeholfene Versuch, sich keine Blöße zu geben. Vielleicht spricht ja einer der Teilnehmer des Meetings die anderen noch mal persönlich mit Namen an, das wäre die Rettung. Fest steht nach dem Termin lediglich: Sich Namen zu merken, zählt nicht zu den persönlichen Stärken.

Offenbar ist diese Ansicht oder gar diese spezifische Schwäche weit verbreitet. Gerade haben die Psychologen Mary Hargis von der Texas Christian University sowie Mary Whatley und Alan Castel von der University of California in Los Angeles eine Studie publiziert, die zeigt: Sich an Namen zu erinnern, zählt zu den wenigen Fähigkeiten, in denen sich die meisten Menschen selbst als schlechter als der Durchschnitt einschätzen. Sonst scheint nämlich das Gegenteil der Fall zu sein, wie die Forscher im Journal Psychology and Aging betonen.

Die Senioren waren noch stärker von ihren Fähigkeiten überzeugt als die überheblichen Jungen

"Menschen haben häufig fehlerhafte Ansichten über ihre eigenen Fähigkeiten", schreiben die Psychologen um die Erstautorin Hargis. Sehr häufig sei ein Hang zur Selbstüberschätzung zu beobachten, so die Forscher. In der Sozialpsychologie trägt dieses Phänomen den Namen "Better-than-average Effect", der "Besser als der Durchschnitt"-Effekt.

Beobachtet wurde diese vergleichende Form der Hybris in sehr vielen verschiedenen Bereichen des Lebens. So glauben die meisten Menschen, sie seien überdurchschnittlich gute Autofahrer, verfügten über eine Begabung für Führungsaufgaben und wüschen sich zudem häufiger und gründlicher die Hände als die anderen das machen. Kürzlich berichteten schwedische Psychologen um Magnus Bergquist von der Universität Göteborg, dass der Effekt auch die Ansichten über das eigene ökologische Handeln präge: In einer großen Stichprobe aus Ländern weltweit gaben die meisten Teilnehmer an, sie würde sich deutlich umweltbewusster verhalten als die meisten anderen Menschen.

Auch in der aktuellen Studie der Psychologen um Hargis fanden sich Belege für die menschliche Überheblichkeit, besser als der Durchschnitt zu sein. Für ihre Studie verglichen die Forscher zwei Altersgruppen: Probanden zwischen 20 und 25 sowie zwischen 60 und 84 Jahren. Unabhängig von ihrem Alter stuften sich die meisten Probanden in Sachen Ehrlichkeit, Fleiß, sozialer Verträglichkeit und anderen Eigenschaften als überdurchschnittlich ein.

Die Senioren hielten im Gegensatz zu den Jungen darüber hinaus auch noch ihr Vermögen, wissenschaftliche Begriffe sowie historische Figuren zu erinnern, für überdurchschnittlich. In einer Überzeugung aber glichen beide Gruppen einander: Sie seien allenfalls durchschnittlich begabt darin, sich Namen anderer Menschen zu merken, meinten sie. Offenbar handele es sich um eine Ausnahme vom Better-than-average Effect, der etwas schmaler ausfalle, wenn eine Aufgabe schwierig und eindeutig sei, meinen Hargis und ihre Kollegen. In ambivalenten Kategorien überschätzten sich Menschen hingegen leichter. Wem der Name eines Gesprächspartners einfach nicht mehr einfällt, weiß um seine Blamage. Im Auto ist es hingegen leichter, sich selbst von seinem Können zu überzeugen - mal ehrlich, die anderen Fahrer sind alle Deppen, ist doch klar.

© SZ vom 06.05.2020

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