Nahrung als Heilmittel:Alkohol macht nicht fruchtbar

Vor Jahren erschien eine Studie im angesehenen Fachblatt New England Journal of Medicine, die Walnüssen einen immensen gesundheitlichen Nutzen bescheinigte. Die Forscher beschrieben, dass die Früchte Blutdruck und Cholesterinspiegel und damit das Infarktrisiko senkten. Der Haken an der Sache: Man hätte 20 Prozent seiner täglichen Kalorienmenge mit Walnüssen abdecken und dazu täglich fast 100 Gramm zu sich nehmen müssen, um die gefäßschonende Wirkung zu erreichen. Die Untersuchung war von der kalifornischen Walnuss-Industrie unterstützt worden.

Neben solchen Studien, deren Ergebnisse fragwürdig sind und sich kaum auf den Alltag übertragen lassen, sind Untersuchungen beliebt, in denen ein einziger Stoff genauer unter die Lupe genommen wird. Gern in einer Dosis, die der zehnfachen Menge entspricht, die üblicherweise verzehrt wird, gern im Tierversuch mit gentechnisch veränderten Mäusen, die besonders empfindlich auf die Substanz reagieren. "Mice tell lies" - Mäuseversuche führen in die Irre, um es freundlich zu übersetzen.

Aus all dem folgt: Wissenschaften, die Lebensmitteln eine spezifische Wirkung zuschreiben, haben ein Problem. Kaum eine Forschungsrichtung ist so vielen Störfaktoren ausgesetzt - in erster Linie dem Störfaktor Mensch. Wenn etwa untersucht wird, wie sich der Marmeladekonsum auf Blutdruck oder Hormonspiegel auswirkt, spielt es nicht nur eine Rolle, wie viel Marmelade die Teilnehmer zu sich nehmen. Schließlich kann es sein, dass jene, die viel Marmelade essen, größere Genießer, sportlichere Menschen und bessere Schläfer sind und deswegen ausgeglichene Hormone und milden Blutdruck aufweisen. Mit der Marmelade hat das nichts zu tun.

Dänische Forscher stellten beispielsweise fest, dass Frauen, die regelmäßig Alkohol trinken, schneller und öfter schwanger werden. Dies war nicht auf eine die Fruchtbarkeit steigernde Substanz in Wein oder Bier zurückzuführen, sondern die Frauen tranken öfter in Gesellschaft und hatten eher Gelegenheit, sich fortzupflanzen. Wenn der Alkohol eine spezifische Wirkung hatte, dann die als sozialer Kitt.

Berücksichtigen Forscher die zahlreichen Störfeuer nicht, setzen sie abstruse Meldungen in die Welt, wonach Käsekuchen dumm macht oder Brokkoli Krebs verhindert. "Selbst bei der gepriesenen mediterranen Diät gibt es viele mögliche Einflussfaktoren", sagt Gerd Antes. Entspannter Lebensstil, Familienbande, Freizeitgewohnheiten, all das spielt womöglich eine größere Rolle als die Zusammensetzung der Nahrung. Es macht einen Unterschied, ob man sich missmutig in Olivenöl gedünstetes Gemüse einverleibt oder ausgelassen und mit guten Freunden ein Wildschwein vertilgt. Für die Gesundheit ist es wichtiger, welchen Stellenwert als welchen Nährwert das Essen hat.

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