Sozialwissenschaften:Keine Lust mehr auf Nachrichten

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Kein Kommentar: Die Bereitschaft, die eigene Meinung zum Weltgeschehen zu äußern, geht zurück. (Foto: Rüdiger Rebmann/imago images/Shotshop)

In vielen Ländern kommentieren oder diskutieren Menschen seltener das Weltgeschehen als noch vor knapp zehn Jahren. Woran liegt das?

Von Sebastian Herrmann

Euphorische Zukunftsvisionen tragen stets humoristisches Potenzial in sich. Wie es mit Visionen nun einmal so ist, wirken sie in der Rückschau oft naiv, und wenn sie in die Hose gegangen sind, dann können im besten Fall alle ein bisschen lachen. Als vor einigen Jahren die digitalen Medienangebote einen rasanten Aufstieg erlebten und die sozialen Netzwerke den Beginn ihrer Erfolgsgeschichte schrieben, schwärmten viele Stimmen, hier nähmen mächtige Demokratisierungsmaschinen Schwung auf. Endlich könne sich jeder Bürger in den Nachrichtenprozess einbringen, kommentieren, teilen, vervollständigen - und am Ende stünden bessere, gerechtere, freiere Gesellschaften. Es ist anders gekommen, aber Grund für Heiterkeit gibt es deshalb keinen.

Gerade haben Wissenschaftler um Sacha Altay von der Universität Zürich eine Analyse publiziert, die zeigt: Das Publikum digitaler Medien kommentiert, teilt oder bespricht Nachrichten in immer geringerem Ausmaß. Das berichten die Forscher im Fachjournal New Media & Society. Das Team um Altay wertete Daten aus dem Digital News Report aus. Zwischen 2015 und 2022 gaben für diesen 577 859 Teilnehmer aus 46 Ländern Auskunft über ihren Nachrichtenkonsum und ihr damit verknüpftes Verhalten. In den meisten Ländern sank das Engagement der Leser und Leserinnen. In zehn Staaten blieb dieses im Schnitt weitgehend unverändert - darunter auch in Deutschland. In vier Ländern, darunter Kanada und Belgien, stieg die Beteiligung des Publikums durch Kommentare oder andere Formen der Partizipation hingegen.

Insgesamt aber beobachten die Wissenschaftler im Durchschnitt einen Rückgang. Das Teilen von Nachrichten in sozialen Medien ging um 29 Prozent zurück. Auch die Häufigkeit von Kommentaren auf diesen Plattformen nahm bei Nachrichteninhalten um 26 Prozent ab. Sogar der persönliche Austausch mit Freunden, Bekannten oder Kollegen über Nachrichteninhalte wurde um 24 Prozent seltener. Hier nahm einzig die Bedeutung von Messenger-Apps wie Whatsapp, Signal und anderen zu: 2022 wurden hier um 20 Prozent häufiger nachrichtliche Inhalte geteilt als 2015. Insgesamt gaben 19 Prozent der Befragten an, dass sie Nachrichten grundsätzlich weder teilen noch liken, kommentieren oder im analogen, echten Leben in irgendeiner Form besprechen.

Immer mehr Menschen ziehen sich ganz aus dem Konsum von Nachrichten zurück

Besonders ausgeprägt war der Rückgang des beschriebenen Engagements unter Probanden, die ohnehin kein Vertrauen in Nachrichtenangebote haben, unter Personen ohne Universitätsabschluss sowie unter Frauen. Wobei Frauen 2015 noch häufiger Nachrichten teilten oder kommentierten als Männer, der Rückgang vollzog sich also auf hohem Niveau. 2022 lag das Engagement von Leserinnen leicht unter dem von Lesern. Insgesamt fanden sich im engagierten Nachrichtenpublikum unter anderem besonders viele junge Menschen, solche mit mindestens einem Bachelor-Abschluss und Personen, die sich ohnehin stark für das Weltgeschehen interessieren.

Was den Trend befeuert, lässt sich nicht eindeutig klären. Die Wissenschaftler um Altay führen einige Möglichkeiten an. So haben Social-Media-Unternehmen wie Facebook ihren Algorithmus derart angepasst, dass Nachrichten weniger prominent in den Timelines der Nutzer auftauchen und andere Inhalte mehr Aufmerksamkeit bekommen. Zugleich haben klassische Nachrichtenanbieter oft die Kommentarfunktionen auf ihren Seiten eingeschränkt oder abgeschafft und Inhalte hinter Bezahlschranken gestellt. Dass solche Entwicklungen dazu führen, dass das Publikum seltener kommentiert oder teilt, liegt auf der Hand.

Zugleich haben andere Studien gezeigt, dass sich weltweit eine wachsende Zahl von Menschen ganz aus den Nachrichten und dem Weltgeschehen ausklinkt. Vermutlich liege das auch daran, so die Forscher, dass viele dem steten Strom negativer Nachrichten entgehen wollen. Dazu passt eine Beobachtung der Wissenschaftler um Altay: Demnach ist das Engagement des Publikums in den Ländern besonders stark gesunken, die während des Untersuchungszeitraums eine starke politische Polarisierung erlebt haben. Wo das Meinungsklima aufgeheizt ist, halten sich viele wohl mit Kommentaren zu politischen Themen zurück und teilen diese auch nicht - aus Furcht vor dem damit verbundenen Gegenwind.

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