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Nach dem Umweltgipfel Rio+20:Da herrscht die "mir san mir"-Mentalität

Also sabotieren sie den Prozess. Wenn Obama es gewagt hätte, in Rio aufzutauchen und sich kooperativ zu zeigen (ich unterstelle ihm, dass er das gern getan hätte), hätte das seine Wahlchancen im Herbst schwer belastet: Die Mitte der USA, das Heartland America, tickt anders.

Da herrscht die "mir san mir"-Mentalität. Für einen gewissen Senator aus Oklahoma gibt es kein Klimaproblem, kein Biodiversitätsproblem und keine "green economy". Draußen gibt es für ihn nur die sozialistischen Europäer, die gefährlichen Chinesen, terroristische Muslime, die nimmersatten Entwicklungsländer, und obendrauf die UNO, die der amerikanische Steuerzahler schrecklicherweise auch noch mitfinanzieren muss. Wenn sich hundert Millionen Wahlberechtigte mit diesem einfachen Weltbild begnügen, ist es schwierig, das Land zu regieren.

Nach dem Null-Ergebnis von Rio+20 macht sich die Stimmung breit, solche Großkonferenzen machten heute keinen Sinn mehr. Diese Resignation ist exakt das, was konservative Amerikaner wollen. Global Governance halten sie für anmaßend und Amerika-feindlich. Lasst doch die Märkte entscheiden, wohin die Welt steuert, das ist die Ausrede der Verhandlungssaboteure. Wenn sich diese Stimmung weltweit durchsetzt, war es ein wirklicher Katastrophengipfel, nicht nur ein Null-Gipfel.

Doch wo ist dann die Perspektive? Nun, ich sehe sie in Allianzen der Willigen. Für die weltweite Durchsetzung der Hühnerzucht oder des Laptops bedurfte es keiner weltweiten vetofreien Konferenzen. Die Pioniere waren die Gewinner, nicht die Verlierer. Es kommt also darauf an, ökologische Pioniere zu Gewinnern zu machen.

Bei der lokalen Schadstoffbekämpfung haben wir das geschafft. Im Schmutz und Gift will keiner mehr leben. Die nächste Phase ist die Überwindung der Verschwendung. Wer so leben will wie die Leute in Oklahoma, ist auf Dauer auf billiges Öl angewiesen. Das geht mit Peak Oil zu Ende. Europa und Asien haben hier einen Vorteil, und den können sie noch weiter ausbauen. Ich plädiere für eine Verfünffachung der Energie- und Ressourcenproduktivität. Wer da die Nase vorn hat, braucht den Welthandel nicht zu fürchten.

Ich plädiere weiter dafür, Energie und Rohstoffe in dem Umfang teurer zu machen, wie die Effizienz zunimmt. Dann steigen die monatlichen Energiekosten im Durchschnitt nicht an. Mit Sonderregeln für ärmere Haushalte und die Industrie kann man Brüche vermeiden. Die verlässliche Erwartung eines Preispfads dieser Art beschleunigt die Effizienzverbesserung enorm.

Man wird unabhängiger von Ölimporten und feiert Exporterfolge mit Effizienz. Wenn wir Europäer uns mit Asiaten auf so eine Politik einigen, wächst der Markt für grüne Technik sprunghaft an. Das Nachsehen haben die, die uns in Rio+20 ständig geärgert haben, und es bleibt ihnen auf Dauer keine andere Wahl als mitzumachen.

Dann kann man weiter zu Großkonferenzen zusammenkommen. Die sind durchaus nützlich für die Bewusstseinsbildung, den Druck in Richtung von Anstandsregeln und technischen Standards. Sie müssen nur unterfüttert werden mit halbwegs konkreten Ergebnissen, umgesetzt durch die Allianzen der Willigen. Dann könnte sich zeigen: Wer mitmacht, gewinnt.