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Mythen in der Wissenschaft:Fleißig weitergedichtet

Stimmt nicht, denn er war bereits vier Jahre durch seinen täglichen Strip marschiert, ohne Spinat auch nur zu erwähnen. Eisen kommt, wie Sutton durch ein gründliches Studium nachweisen kann, in den frühen Cartoons gar nicht vor. Popeye begann seine Laufbahn als Kraftlackl ohne diese Droge.

Damit fällt die Spinat-Eisen-Verbindung in den überbordenden Ablagekasten mit populären Mythen, die saisonal die Runde machen: dass ein Glas Rotwein pro Tag das Leben um exakt drei Jahre, fünf Monate und 21 Tage verlängere, oder dass Kaffee den Herzinfarkt verhindere, abendliches Rasieren den Bart weich mache und ähnlicher Blödsinn.

Immer findet sich eine Untersuchung einer Sonderforschungsabteilung einer sonst auch nicht auffällig gewordenen University of Backwoods, West Virginia, und ein willfähriger Redakteur in einer Fachzeitschrift, der das Ergebnis druckt und mit einer statistischen Erhebung unter zwölfeinhalb repräsentativ ausgewählten Probanden bestätigen kann.

Jeder Laie kann sich den Erfolg der Spinat-Legende erklären: Es handelt sich um eine Verknüpfung von Metaphern, der eisenfressende Matrose wird selber unbesiegbar, ein rechter Mann aus Eisen. Anstelle der Gleichung Spinat = Eisen darf der aufgeklärte Esser also längst die Ungleichung Spinat Eisen aufmachen. Wenn ihm auch der Spinat nicht schmeckt, so ist der Triumph über die leichtgläubige Wissenschaft umso köstlicher.

Noch schöner freilich, wenn sie mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen ist, wenn sich nachweisen lässt, dass sie sich um eine ganze Dezimalstelle vertan hat. Hamblin erklärt heute, sein Beitrag sei eher humoristisch gemeint gewesen. Denn Belege für seine Behauptung mit der falschen Dezimalstelle kann er nicht beibringen.

Dafür haben dann andere die große Spinat-Legende weitergedichtet. Offenbar bedeutet es eine gewaltige Kränkung, über Jahre mit einer scheinwissenschaftlichen Begründung für den Verzehr von Spinat gezwungen worden zu sein. Nicht auszuschließen ist es auch, dass hier ein tiefsitzendes Trauma zu einem wiederum scheinwissenschaftlichen Rachefeldzug geführt hat.

Aus jugendlichen Spinat-Opfern werden Erwachsene, die es ihren Eltern und den hinter ihnen stehenden Ernährungswissenschaftlern heimzahlen wollen. So wurde aus der Mär von den "deutschen Chemikern", die bei Hamblin noch den Schwindel aufdeckten, ein (balten)deutscher Physiologe, der den Schwindel aufbrachte.

Dabei hat Gustav von Bunge sich nichts weiter zuschulden kommen lassen, als dass er die Bestandteile von Gemüse abwog und dabei feststellte, dass Spinat ("zusammen mit weiteren Gemüsen") vergleichsweise viel Eisen enthält. Von einem Dezimalrechenfehler ist in der Forschung bisher nichts bekannt geworden.

Sutton versetzt mit seiner Untersuchung den Leichtgläubigen, die einst an den hohen Eisengehalt von Spinat glaubten und jetzt nicht weniger glühend daran, dass alles ein aufgelegter Schwindel war, noch schlimmer: ein Rechenfehler, einen Rüffel: Popeye wäre vor Neid erblasst. Wieder mal alles geglaubt, was in der Zeitung steht.