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Mythen in der Wissenschaft:Die Geschichte stimmt hinten und vorne nicht

Der britische Kriminologe Michael Sutton hat jetzt mit - man kann es nicht anders sagen - kriminalistischer Energie das getan, was die fleißigen Verbreiter der Popeye-isst-Eisen-Legende unterlassen haben: Er hat die Quellen überprüft und ist zu einem ganz einfachen Ergebnis gekommen: Die Geschichte stimmt hinten und vorne nicht. In einem Aufsatz für das Journal of Crimonology hat er sowohl die Sache mit dem Eisengehalt wie ihre Entlarvung untersucht und dabei festgestellt, dass durch konsequentes Abschreiben und Weiterdichten längst ein neuer Spinat-Schwindel entstanden ist.

Nebenbei ist ihm der Nachweis gelungen, dass Verschwörungstheorien gar nicht auf das Internet angewiesen sind, sondern sich noch viel besser mit den Mitteln der traditionellen Publizistik verbreiten lassen. Quelle für diese hartnäckigen Irrtümer ist demnach eine medizinische Fachzeitschrift, das bereits erwähnte British Medical Journal. Dort erschien in der Weihnachtsausgabe 1981 eine Geschichte mit dem Titel "Fake!" Sie beschäftigte sich mit wissenschaftlichen Fälschungen, darunter dem berüchtigten Piltdown-Schädel. Damals war die Wissenschaft auf einen Studenten hereingefallen, der einen selber vergrabenen Schädel als prähistorischen Fund ausgab.

Der Autor T J Hamblin, ein Immunologe, der später Professor für Immunhämatologie an der University of Southampton wurde, nahm die Gelegenheit wahr, um Kollegen und den Nachwuchs vor Plagiaten wie vor Fälschungen zu warnen und sie zur Ehrlichkeit zu ermahnen.

Als Beispiel für wissenschaftliche Versehen, aus denen schnell Vergehen entstehen können, führt er den Spinat an, um den sich eine "betrügerische Propaganda" entwickelt habe: "Deutsche Chemiker, die in den dreißiger Jahren den Eisengehalt von Spinat neu untersucht haben, konnten nachweisen, dass die ersten Forscher eine Dezimalstelle versetzt und damit den vermeintlichen Nährwert verzehnfacht hatten."

Namen nannte Hamblin nicht, weder deutsche noch andere, dafür illustrierte, ungewöhnlich damals für eine Fachzeitschrift, der Spinat-Connaisseur Popeye den Beitrag und verlieh ihm damit eine Art falsifizierender Glaubwürdigkeit.

Verblüffende Ergebnisse

Endlich hatte einer den Schwindel aufgedeckt. Allerdings hatte der Mediziner Hamblin, indem er vor Betrug und Fälschung warnte, einen weiteren Schwindel in die Welt gebracht, die auf eine solche Enthüllung nur gewartet hatte.

Die Wissenschaftsgläubigkeit wird erstaunlicherweise nur noch von der Wissenschaftsskepsis übertroffen. Selbst die AOK finanziert die inzwischen so gefragte "zweite Meinung", und die Kasse übersieht gnädig, dass mit einem weiteren Arztbesuch vor allem das Syndrom der mangelnden Aufmerksamkeit behandelt wird.

Drum gilt Hamblin heute als der tapfere Mann, der den Eisen-Mythos entlarvt hat. Sutton folgte den Vorgaben des Forschers, wollte nicht alles glauben und kam zu verblüffenden Ergebnissen. Den Berechnungsfehler begingen Forscher der University of Wisconsin, die den Eisengehalt von Spinat 1934 um ungefähr (und keineswegs um genau) das Zwanzigfache überschätzten.

Da war Popeye aus der Zeitung längst ins Kino aufgestiegen und vollführte seine Kraftakte mit Hilfe des Spinats, den er aber ursprünglich nicht etwa des Eisens wegen, sondern wegen des (bis heute unbestrittenen hohen Anteils an Vitamin A) zu sich nahm. Der Zeichner und Popeye-Erfinder Elzie Segar hatte seine Figur nämlich freiwillig in den Dienst einer Kampagne gestellt, die sich um unterernährte amerikanische Kinder kümmerte.

Die Wissenschaft konnte der Popularität dieses Helden allenfalls nachrennen und verstolperte sich prompt, denn schon zwei Jahre später musste das angebliche Forschungsergebnis drastisch nach unten korrigiert werden, allerdings nicht von deutschen, sondern wiederum von amerikanischen Chemikern.

Popeye rührte das nicht besonders, der mampfte weiter seinen Spinat;jahrzehntelang. Richtig bleibt also, dass die Spinat-Folter schon seit den Dreißigern wider besseres Wissen ausgeübt wurde. Der vermeintlich hohe Eisenanteil müsste sich über die Jahre bemerkbar gemacht haben, aber nicht einmal die amerikanischen Kinder sind nennenswert gestählt aus dieser terroristischen Dauerdiät hervorgegangen.

Eine weitere Überprüfung erübrigte sich aber, war doch der Zirkelschluss unhintergehbar, dass Spinat (1) gesund war, weil er nicht schmeckte, und (2) weil er nicht schmeckte, musste er auch gesund sein. Der Mythos von der durch Popeye sicherlich nicht wenig verstärkten Dosis hielt sich bis in die jüngste Zeit. Stimmt es also, dass Popeye den Spinat wegen des Eisens mampfte?