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Mysteriöses Vogelsterben in Arkansas:Himmel und Hölle

Das Rätselraten um 5000 tote Vögel in Arkansas geht weiter: Experten bezweifeln, dass Silvesterknaller der Grund für das Massensterben waren und erwägen Hagel als Todesursache. Freunden von Verschwörungstheorien dürfte das nicht genügen.

Katrin Blawat

Die Außerirdischen fehlen auch diesmal nicht, ebenso wenig wie Theorien über irdische Verschwörungen, etwa ein Giftgasanschlag der US-Regierung auf das kleine Städtchen Beebe im US-Bundesstaat Arkansas. Seit dort in den letzten Stunden des Jahres 2010 etwa 5000 Vögel tot vom Himmel fielen, wächst die Liste der abstrusen Erklärungen.

Das Rätselraten um 5000 tote Vögel in Arkansas geht weiter. Möglicherweise wurden die Tiere von Hagelkörnern getroffen.

(Foto: AP)

Nicht weniger bizarr klingt jedoch für viele Vogelexperten, was Karen Rowe, Ornithologin der Wild- und Fischbehörde des Staates Arkansas, schließlich offiziell als die wahrscheinlichste Ursache für das Massensterben nannte: Silvesterböller hätten die Vögel aufgeschreckt und ihnen die Orientierung geraubt, woraufhin die Vögel ineinander oder gegen Hauswände und Schornsteine geprallt seien. Diese Vermutung Rowes kursierte schon nach den ersten Berichten über die toten Vögel, nun sei sie durch genauere Untersuchungen der Kadaver bestätigt worden.

Hätte die Behörde Außerirdische für die toten Vögel verantwortlich gemacht, hätte sie damit wahrscheinlich weniger skeptische Fragen aufgeworfen. "Silvester gibt es jedes Jahr, also müssten wir Phänomene wie in Arkansas auch häufiger beobachten", sagt Ingo Ludwichowski, Vogelexperte des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu).

Bei den Vögeln handelt es sich vor allem um Rotschulterstärlinge, etwa 20 Zentimeter große, in Nordamerika verbreitete Singvögel, die im Dunkeln schlecht sehen können. Dennoch hält es Ludwichowski für unwahrscheinlich, dass die Vögel mit derart großer Wucht ineinanderprallten, dass sie sich massive innere Verletzungen zuzogen: "Wer schon einmal gesehen hat, wie ein Schwarm von 10.000 Staren fliegt, ohne dass sich die Tiere auch nur berühren, hält die Erklärung kaum für möglich."

Dem stimmt auch Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie und der Vogelwarte Radolfzell zu. "Selbst wenn die Vögel von den Knallern so verwirrt waren, dass sie stundenlang umhergeflogen sind, würden nicht alle Tiere auf einmal sterben, sondern die schwächsten zuerst", sagt Fiedler. Hinzu kommt, dass Beebe lediglich gut 5000 Einwohner hat. Dass diese vergleichsweise wenigen Menschen so viele Böller gezündet haben sollen, dass dadurch 5000 Vögel gestorben sind, kann sich Ludwichowski nicht vorstellen.

Was aber führte dann zum Tod der Vögel? Krankheiten hatten die amerikanischen Experten schnell ausgeschlossen, und Ludwichowski stimmt zu: "Sogar bei einer Epidemie würden nicht alle Tiere auf einen Schlag sterben. " Ob die Tierärzte Spuren von Gift in den Kadavern gefunden haben und wie es um das Allgemeinbefinden der Tiere kurz vor ihrem Tod stand, ist unbekannt. Möglicherweise sei ein heftiger Hagelsturm mit großen Körnern die Ursache gewesen, vermuten Fiedler und Ludwichowski, "vielleicht zusammen mit anderen Umständen". "Es muss etwas gewesen sein, was alle Tiere gleichzeitig getroffen hat", sagt Fiedler. Doch auch er kann sich nicht erklären, warum man zum Beispiel kaum lebende, verletzte Vögel gefunden hat.

Während die Experten noch über die toten Stärlinge von Beebe rätselten, meldeten auch die Menschen in den US-Bundesstaaten Kentucky und Louisiana jeweils etwa 500 Vogelkadaver; und in Südschweden lagen zwischen 50 und 100 verendete Dohlen auf einer Straße. Auch für letztere seien Silvesterknaller verantwortlich, hieß es zunächst. Ludwichowski ist abermals skeptisch: "Diese Ereignisse haben wahrscheinlich nichts miteinander zu tun." Dass einige Dutzend Vögel auf einmal sterben, komme hin und wieder vor - meist jedoch ohne große Beachtung. In Louisiana wurde den Tieren vermutlich ein Starkstromkabel zum Verhängnis; in Kentucky geben die Behörden "natürliche Ursachen oder schlechtes Wetter" als Todesursache an. Extreme Kälte ist wohl auch die Ursache für die zwei Millionen toten Fische in der Chesapeake-Bucht in Maryland.

Um die Freunde von Verschwörungstheorien zum Schweigen bringen, dürfte keine dieser Erklärungen ausreichen.

© SZ vom 08.01.2011/aho
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