Munitionsreste in der Ostsee "Die Behörden zeigen kein Interesse"

Stefan Nehring hat Unfälle mit Munition dokumentiert - und zwar deutlich mehr als das Bundesamt für Seeschifffahrt.

Interview: Axel Bojanowski

SZ: Die Behörden zählen deutlich weniger Unfälle mit Weltkriegsmunition aus der Ostsee als Sie. Wie erklären Sie sich das?

Stefan Nehring hat eine Statistik über Unfälle mit Weltkriegsmunition an der Ostsee erstellt.

(Foto: Foto: oh)

Nehring: Bis heute gibt es keine gesetzliche Verpflichtung, Unfälle mit Munition umfassend zu erheben. Die Behörden besitzen anscheinend auch kein Interesse, die Gefahrenlage zu dokumentieren. Denn was man offiziell nicht weiß, kann einem bei der Diskussion über die Notwendigkeit einer Sanierung von munitionsbelasteten Gebieten nicht vorgehalten werden.

SZ: Dem Bundesamt für Seeschifffahrt zufolge haben sich seit 1945 nur 13 deutsche Fischer mit Senfgas auf der Ostsee verletzt.

Nehring: Diese Aussage ist geschönt. Allein mir zugängliche Dokumente belegen mindestens 91 solcher Fälle. Zusätzlich ist mit einer beträchtlichen Dunkelziffer zu rechnen.

SZ: Aber auch Sie schreiben, dass seit 1991 kein Fischer mehr zu Schaden kam. Ist die Gefahr gesunken?

Nehring: Diese Frage ist ungeklärt. Große Mengen Senfgas sind weiterhin in den befischten Gebieten vorhanden. Es ist zu vermuten, dass die Fischer kein Interesse haben, ihre Unfälle publik zu machen. Denn es besteht die Gefahr, dass verseuchte Gebiete für die Fischerei verboten werden, wie es in den 1970er Jahren schon einmal auf Grund vieler Unfälle diskutiert wurde. Seit gut 30 Jahren beobachten wir eine Zunahme von Unfällen mit Phosphor an unseren Stränden.

SZ: Sie befürchten, dass Chemikalien aus der durchgerosteten Munition Fische vergiften könnten. Die Behörden bestreiten das. Mit Kampfstoffen verseuchter Fischfang sei in der Ostsee bislang nicht entdeckt worden.

Nehring: Auch diese Aussage überrascht. Ich habe diverse Vorfälle dokumentieren können, bei denen Verbraucher beim Verzehr von kampfmittelbelastetem Fisch zu Schaden gekommen sind. Sogar Behörden soll bekannt sein, dass kontaminierte Fänge in den Verkauf gekommen sind. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass versenkte Munition für die in jüngster Zeit beobachteten stark erhöhten Arsen-Konzentrationen in Ostsee-Schollen mitverantwortlich ist.

SZ: Was muss getan werden?

Nehring: Eine gesetzliche Meldepflicht für alle Munitionsfunde an Stränden und im Meer sowie für alle damit verbundene Unfälle ist dringend erforderlich. Zudem muss der Meeresboden endlich umfassend nach versenkter Munition abgesucht werden. Und ganz wesentlich ist, dass Sanierungskonzepte für die am stärksten belasteten Seegebiete entwickelt und umgesetzt werden.