Müll Wann eine Deponie finanziell richtig interessant wird

Immer wenn die Rohstoffpreise steigen, steigt jedoch auch das Interesse an den Hinterlassenschaften der Vergangenheit. "Landfill-Mining" wird die Idee genannt, Mülldeponien als Rohstofflager zu erschließen. Zahlreiche Forschungsvorhaben gab es dazu in den vergangenen Jahren. Das wohl umfassendste zu dem Thema schloss im vergangenen Jahr mit einem Leitfaden ab, in dem Experten Empfehlungen geben, wann es sinnvoll sein kann, eine alte Deponie wieder aufzugraben, und wann man es besser lassen sollte.

Ein hoher Altmetallanteil im Deponiegut und viel brennbares Material, die "heizwertreiche Fraktion" aus Kunststoffen, Textilien, und Papier, können das Unterfangen wirtschaftlich interessant machen. Die 19 Autoren des Leitfadens, zu denen auch Daniel Goldmann zählt, haben allerdings in den vergangenen 60 Jahren lediglich 85 Fälle gefunden, in denen alte Deponien wieder aufgemacht wurden. Meist ging es darum, ökologische Katastrophen zu verhindern oder Platz zu gewinnen für Wohngebiete, Industrie oder weitere Deponien. Meistens wurde der alte Müll dabei gar nicht verwertet, sondern nur auf eine andere Lagerstätte gekarrt.

"Grundsätzlich gibt es mehrere Gründe, um eine Deponie anzufassen", sagt Goldmann. "Der wichtigste Treiber dafür ist Flächenbedarf, in Hong Kong etwa, oder Umweltschutzaspekte." Aber auch die Kosten für die Abdichtung und den Erhalt einer Mülldeponie seien so hoch, dass es mitunter rentabler sei, das Lager einfach abzuräumen. Die darin enthaltenen Wertstoffe sind zur Zeit nur ein nettes Zubrot für Deponierückbauer, aber bis heute nicht der Hauptgrund, um eine Mülldeponie abzubauen.

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Ein Rohstofflager - oder doch eine tickende Zeitbombe?

Es fällt schwer, die alten Müllberge als Rohstofflager zu erkennen. Eher noch als Zeitbomben: Je älter die Deponie, desto unklarer ist, was dort einmal abgelagert wurde. Deswegen sind auch Mountainbiker auf der alten, zum grünen Berg umgewandelten Deponie im Münchner Norden nicht gerne gesehen. Die breiten Stollenreifen könnten zur Erosion der Deckschicht beitragen. Und niemand weiß so genau, was sich darunter verbirgt.

Deponieleiter Stephan Hengst erzählt von einem Giftsee in den Siebzigerjahren auf dem Hügel, einem Sammelbecken für Chemikalien aller Art, in das nachts gepumpt wurde, was tags angeliefert wurde. Darunter gärt der Müll und durch Risse strömen noch heute Deponiegase aus, die kontrolliert an der Oberfläche verbrannt werden. Hengst würde den alten Berg lieber nicht aufgraben. Für die Nachsorge solcher Deponien solle man realistischerweise wenigstens 100 Jahre ansetzen. So lange müsste zum Beispiel kontrolliert werden, dass schmutziges Sickerwasser nicht durch die nachträglich eingezogene Dichtwand ins Grundwasser gerät.

Diese Probleme kennt Daniel Goldmann auch von anderen alten Deponien, bei denen nie dokumentiert wurde, was man wann wohin geschüttet hat. "Zum Giftmüll können auch noch Gasmissionen und geologische Aktivitäten kommen." Der Berg kann instabil werden und ins Rutschen geraten.

Müll deponieren ist deutlich günstiger, als ihn zu verbrennen

Auf modernen Mülldeponien ist die Lage weit weniger brenzlig. Diese müssen über Abdichtungen am Boden verfügen, die verhindern, dass Sickerwasser austritt. Deponiegas wird aufgefangen und wenn es genug davon gibt, kann man damit sogar Strom erzeugen. Ein Kataster erfasst, was wohin gekippt wird. Der eindeutige Vorteil von Deponien sind die niedrigeren Kosten im Vergleich zur Verbrennung. Und die Möglichkeit, in schlechten Zeiten wieder herausholen zu können, was einmal dort einmal abgelagert wurde. Das wäre im besten Fall eine moderne Version der Kreislaufwirtschaft, bei der nichts verloren geht, sondern immer wieder verwendet wird.

In Deutschland will derzeit dennoch niemand zurück zu den Mülldeponien. Allerdings haben die Entsorger heute mit neuen Müllsorten zu kämpfen, die früher kein Problem dargestellt haben. "Carbonfasern setzen zum Beispiel den Filtern der Müllverbrennungsanlagen zu", erklärt Stephan Hengst. Ein kaputter Badmintonschläger aus diesem Material im Hausmüll kann den Entsorgern ziemliche Probleme bereiten. Auch mit defekten Solarpaneelen oder den Rotoren von ausgedienten Windrädern könne derzeit niemand etwas anfangen. Für solche Produkte kann er sich jedoch eher ein Depot vorstellen als eine Deponie - bis man weiß, wie eine langfristige Lösung aussehen kann.

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