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Umwelt:Moore wurden einst konsequent entwässert

Im vergangenen Jahr stellten Forscher des Agrarforschungszentrums Agroscope aus Zürich gemeinsam mit einer Kollegin der Universität Leicester im Fachmagazin Nature Climate Change eine erschreckende Rechnung vor: Seit dem Jahr 1850 gingen weltweit Moore in der Größe von 50 Millionen Hektar verloren, das entspricht beinahe eineinhalbmal der Fläche Deutschlands.

Bis zum Jahr 2100 könnten weitere zwölf Millionen Hektar Moor beseitigt worden sein. Demnach sind bereits 80 Gigatonnen CO₂ entwichen, bis 2100 könnte diese Zahl auf bis zu 250 Gigatonnen ansteigen. Vier Prozent der menschengemachten CO₂-Emissionen gehen derzeit auf die Verwüstung von Mooren zurück, kommerzieller Flugverkehr macht zwei Prozent aus.

Allerdings besteht Handlungsbedarf eher in anderen Regionen. Zum einen gibt es in Deutschland vergleichsweise wenig Moorfläche. 18 250 Quadratkilometer sind es, von denen etwa 68 Prozent landwirtschaftlich genutzt werden. Auf weiteren 13 Prozent findet Forstwirtschaft statt, nur auf etwa einem Prozent wird Torf abgebaut. Weltweit hingegen machen Moore fast drei Prozent der Landfläche aus, insgesamt 4,23 Millionen Quadratkilometer. Außerdem werden in Deutschland ohnehin keine Moore mehr entwässert. Das geschieht vor allem in Südostasien, wo Moore neuen Plantagen weichen müssen - etwa für das begehrte Palmöl.

Wer sich im Moor niederlassen wollte, bekam Land geschenkt

Zwar gab es auch in Deutschland einst viele Moore - fünf Prozent der Fläche. Doch wurden sie seit dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit konsequent entwässert. Die Spuren sieht man in der Tinner Dose noch heute. In regelmäßigen Abständen ziehen sich Furchen durch das Moor, Entwässerungsgräben, angelegt vor 250 Jahren.

Am 22. Juli 1765 erließ der preußische König Friedrich II. sein "Urbarmachungsedikt". Ungenutztes Moorgebiet ging damit in den Besitz der Krone über. Wer sich fortan im Moor niederlassen wollte, bekam ein Stück Land geschenkt, wenn er binnen eines Jahres ein Haus darauf baute und binnen sechs Jahren Landwirtschaft betrieb. Zahlreiche Hektar wurden trockengelegt, damit Häuser und Vieh auch darauf stehen konnten.

Knapp 200 Jahre später wiederholte sich die Moor-Geschichte: Am 5. Mai 1950 verabschiedete der Bundestag den Emslandplan, mit dem er den Lebensstandard auf dem Lande anheben wollte. Fortan wühlten sich zahlreiche Mammutpflüge der Firma Ottomeyer in bis zu zwei Metern Tiefe durch das Erdreich. Wäre die Tinner Dose nicht inmitten des Meppener Schießplatzes gelegen, sie wäre wohl auch zerpflügt und trockengelegt worden. Damals war der Einfluss der Moore auf das Klima eben noch nicht gut erforscht.

Heute ist er das aber. Deswegen fordern zahlreiche Ökologen und Naturschützer, die Geschichte rückgängig zu machen. Das geht durchaus: Trockene Moore können wieder vernässt werden. Manchmal genügt es bereits, die Entwässerungsgräben zuzuschütten. Das Wetter übernimmt den Rest und stellt den benötigten Wasserüberschuss her, der die Pflanzen absterben lässt. Andernorts könnte es nötig werden, die Moorgebiete aktiv zu fluten.

Können Moore also dabei helfen, die Menschheit vor dem Klimawandel zu retten? "Kurzfristig haben Moore so gut wie keinen positiven Effekt auf das Klima, weil die Speicherung von CO₂ sehr langsam vonstattengeht", sagt der Klimaphysiker Thomas Kleinen. In Europa etwa seien die Moore seit der letzten Eiszeit herangewachsen, über einen Zeitraum von acht- bis zehntausend Jahren. Trotzdem gilt: "Auch wenn der Speicherprozess langsam abläuft - über Jahrtausende hinweg kommt dann doch schon ganz schön was zusammen", so Kleinen.

Man könnte nun darüber streiten, ob sich das Vorhaben überhaupt lohnt. Ein oft genanntes Gegenargument lautet, dass bei der Wiedervernässung Methan freigesetzt wird - ein 25-mal stärker wirkendes Treibhausgas als CO₂. Rechnet man die beiden Effekte aber gegeneinander, fällt die Bilanz dennoch bei der Wiedervernässung besser aus. Landwirte fragen, wie man die Ackerflächen ersetzen soll, die durch die Umwandlung verloren gingen. Die Antwort darauf könnte lauten: Paludikultur.

"Die Paludikultur ist ein Kompromiss zwischen Naturentwicklung und Landwirtschaft, jeweils nach Wiedervernässung der Moore", sagt Wendelin Wichtmann, Agrarwissenschaftler der Universität Greifswald. Dabei werde der Boden so vernässt, dass das Moor wieder wachsen, der Bauer darauf dennoch anbauen könnte. Kartoffeln und Möhren könnten zwar nicht mehr gepflanzt werden, "aber es gibt einige Pflanzenarten, die sehr gut auf so einem nassen Moorboden wachsen", sagt Wichtmann. "Zum Beispiel Schilf, Rohrkolben, Erlen oder Sonnentau."

Allerdings müsste dann auch der Fuhrpark umgebaut werden. Zum könnte es genügen, breite und schlaffe Reifen auf den Traktor zu ziehen, um die Auflagefläche zu vergrößern. Auch gibt es Firmen, die etwa Pistenraupen so umbauen, dass sie sich perfekt fürs Moor eignen. "Im Moment ist das aber noch sehr teuer, weil die Nachfrage nicht ausreicht", sagt Wichtmann. Vielleicht bräuchte es dafür finanzielle Hilfen vom Staat - und pfiffige Unternehmer, die Marktlücken für Paludikultur-Produkte finden.

"Es gibt da zum Beispiel Firmen, die möchten Konstruktionsplatten und Dämmstoffe aus Rohrkolben herstellen", sagt Wichtmann. "Ein anderer Betrieb betreibt ein Heizwerk, ausschließlich mit Biomasse aus nassen Mooren, und beheizt damit etwa 500 Haushalte." Einfach umzusetzen werden all diese Ideen wahrscheinlich nicht sein. Aber das erwartet wohl auch kaum jemand.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes war an einer Stelle die Rede von Kohlenstoff, gemeint war aber CO₂. Wir haben dies entsprechend korrigiert.

© SZ vom 21.03.2020
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