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Archäologie:Der Speiseplan des Dschingis Khan

MONGOLIA Re enactement of an attack by the mounted armies of Genghis Khan emperor of the Mongol Emp

Bei der Dschingis-Khan-Show in Ulan-Bator im Jahr 2007 wird eine Attacke der historischen Reiter nachgestellt.

(Foto: Kristel Richard; via www.imago-images.de/imago images / Nature Picture Li)

Neue Funde lassen in den Alltag des berüchtigten Mongolenherrschers blicken. Zumindest seine Essgewohnheiten erscheinen unerwartet bodenständig.

Von Hubert Filser

Die Attacken seiner Reiterheere waren berüchtigt, ihre Waffen gefürchtet. Innerhalb von zwei Jahrzehnten eroberte Dschingis Khan ein riesiges Reich. Ein einst armer Waisenjunge wurde so zu einem der größten Herrscher der Weltgeschichte, am Ende seiner Regentschaft im Jahr 1227 dehnte sich sein Einflussgebiet vom Kaspischen Meer im Westen bis zum japanischen Meer im Osten aus. Wie er ausgesehen hat, weiß man bis heute nicht genau, auch sein Grab ist unbekannt. Es sind nicht die einzigen Geheimnisse, die der mongolische Herrscher der Nachwelt hinterließ.

Denn bis heute diskutieren Historiker und Archäologen, wo genau Dschingis Khan seine ausgedehnten Eroberungsfeldzüge vorbereitete. So gibt es bislang kaum archäologische Spuren von den großen Winterlagern des Eroberers, den sogenannten "ordu". Nun haben australische Forscher Hinweise darauf gefunden, dass der Ort Avraga in der östlichen Mongolei das möglicherweise wichtigste Winterbasislager von Dschingis Khan gewesen ist. Dies berichten Archäologen der Australian National University um Jack Fenner in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Archaeological Research in Asia.

Avraga gilt aufgrund historischer Aufzeichnungen schon länger als wichtiger Ort des Mongolen-Herrschers. In früheren Grabungskampagnen waren in der hügeligen Steppenlandschaft nahe den Flüssen Kherlen und Tsenkher bereits Überreste von Behausungen aufgetaucht, meist aus Holz oder gestampfter Erde erbaut. Ein Gebäude hatten die Forscher als Palast von Dschingis Khan gedeutet. Sichere Belege für diese Verbindung aber gab es nicht.

Nach dem Tod des Herrschers wurde die Stätte offenbar für religiöse Zwecke genutzt

Nun aber zeigen Kohlenstoffdatierungen von Tierknochen und Zähnen aus verschiedenen Fundplätzen in Avraga, dass der Ort tatsächlich während der Regentschaft von Dschingis Khan besiedelt war. Die Chronologie der Daten weist darauf hin, dass Avraga über mehrere Jahrzehnte genutzt wurde. Der große Teil der gefundenen Tierknochen stammt dabei aus einem relativ engen Zeitfenster. "Die Datierungen passen sehr gut mit der Lebenszeit von Dschingis Khan zusammen", sagt Fenner. Avraga sei vermutlich sein Hauptlager gewesen.

Kleine Unsicherheiten bleiben. Die Datierung beruht auf dem Zerfall des Kohlenstoffisotops C14, das von allen Lebewesen auf der Erde aufgenommen wird. Da die Konzentration des Isotops in der Atmosphäre nicht immer gleich ist, müssen die Forscher ihre Daten kalibrieren, das ist ein Unsicherheitsfaktor. Allerdings sei der Überschneidungsbereich der C14-Daten mit den Lebensdaten Dschingis Khans so groß, sagt Fenner, dass man von einer Nutzung als Winterlager ausgehen könne.

Datierungen weiterer Tierknochen zeigten, dass die Stätte vermutlich einige Jahrzehnte nach dem Tod des Herrschers weitergenutzt wurde - womöglich für religiöse oder zeremonielle Zwecke. In Avraga gebe es eine Erdplattform, die von einer Reihe von Säulensockeln umgeben sei. Dort habe man eine große Anzahl von Pferdeknochen gefunden, sagt Fenner. "Pferde sind in der Mongolei oft an Zeremonien beteiligt." Zudem fanden Archäologen eine Bank oder eine Art Altar mit einem verkohlten Bereich davor, möglicherweise eine Opferfläche.

Nach einer Pause von wenigen Jahrzehnten nutzten die Mongolen die Plattform im 14. Jahrhundert erneut als Kultort. Sie wurde dann mit Steinmauern verstärkt, eine Praxis, die auch von Kultorten aus dem Yuan-Reich in China bekannt ist. Dieses Reich beherrschten die Mongolen damals ebenfalls.

Der Khan und seine Eliten aßen nichts anderes als arme Leute: vor allem tierische Produkte

Die Datierungen öffnen den Archäologen so ein Tor in längst verschwundene Welten. Mithilfe einer weiteren Untersuchungsmethode gelang ihnen sogar ein Blick in den Alltag der Mongolen. Diese sogenannte Isotopenanalyse funktioniert nach dem Prinzip, dass man ist, was man isst. Was Menschen und Tiere einst über Nahrung und Wasser aufnahmen und in Knochen, Zähne und Haare einbauten, liefert Informationen über die sozialen Strukturen einer Gesellschaft. Nun zeigte ein Abgleich der Daten aus Avraga mit anderen Fundstellen in der Mongolei, dass es offenbar keine großen Unterschiede in der Ernährung verschiedener gesellschaftlicher Schichten gab.

So fanden die Forscher etwa in Tavan Tolgoi, einem Friedhof für die Elite des Mongolenreichs, ähnliche Signaturen wie an Orten, an denen einfache Mongolen lebten. "Es gibt keine Hinweise auf unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten", sagt Fenner. "Eliten ernährten sich trotz des Zugangs zu einer Vielzahl von Nahrungsmitteln nicht anders als einfache Menschen, nämlich hauptsächlich von Fleisch und Tierprodukten." Zumindest in diesem Punkt war der mächtige Dschingis Khan seinen Reitern ähnlich.

© SZ/weis
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