Mond, Physik und Psychologie:Heimliche Kräfte

Der Mond hat einen großen Einfluss auf das irdische Leben. Allerdings nicht so, wie viele glauben. SZ Wissen erklärt, wie die Erde ohne ihren Trabanten aussähe.

Alexander Stirn

Ohne den Mond sähe es ziemlich düster aus auf der Erde. Wie kein anderer hat der bleiche Begleiter das Leben auf dem Planeten geprägt: Er hat die Erde in schweren Zeiten aufgerichtet. Er hat den Menschen eine behagliche Heimat geschaffen.

Mond, Physik und Psychologie: So sehen die Astronauten an Bord der ISS den Mond aufgehen.

So sehen die Astronauten an Bord der ISS den Mond aufgehen.

(Foto: Foto: Nasa)

Und er nimmt sogar Einfluss auf deren Leben, wenn auch ganz anders als vielfach gedacht. Wie der dicke Bauch eines Kinderkreisels, der verhindert, dass dessen Achse zu stark taumelt, stabilisiert der Mond die Rotation der Erde. In 40.000 Jahren schwankt die irdische Drehachse gerade einmal um 1,3 Grad.

Das reicht zwar immer noch für kleinere Eiszeiten - ohne den Mond sähe die Lage allerdings viel verheerender aus: Der französische Astronom Jacques Laskar hat berechnet, dass die Erde ohne ihren kosmischen Stabilisator um bis zu 85 Grad hin- und herpendeln würde.

Extreme Klimaschwankungen wären die Folge - und damit Bedingungen, unter denen kein Mensch leben könnte. Der Erdtrabant stabilisiert aber nicht nur, er bremst auch: Zwei Flutberge kreisen fortwährend um die Erde, einer auf der dem Mond zugewandten und einer auf der ihm abgewandten Seite.

Diese Wassermassen reiben sich unweigerlich an den Kontinenten des rotierenden Planeten. Der wird dadurch langsamer. Neil Comins von der amerikanischen University of Maine hat berechnet, dass der Tag auf einer mondlosen Erde heute nur acht Stunden hätte.

Und er zeichnet ein ungemütliches Bild des Lebens: Aufgrund der raschen Rotation würden unablässig Hurrikans über die Erde hinwegziehen, nur gedrungene Tiere mit dicken Panzern und einer kräftigen Lunge könnten überleben.

Vermutlich hätte es ohne den Mond nicht einmal die primitivsten Lebensformen gegeben. Der schottische Molekularbiologe Richard Lathe versichert, dass nur der rasche Wechsel der Gezeiten - und der dadurch stark variierende Salzgehalt an den Küsten - die ersten Biomoleküle entstehen ließ.

Auch heute noch sind viele Organismen auf Ebbe und Flut angewiesen: Ährenfisch- Weibchen lassen sich von der besonders starken Flut während Voll- oder Neumond an Land spülen, wo sie ihre Eier ablegen. Korallen stoßen ihre Ei- und Samenpakete bei Vollmond ins Meer.

Und die pazifischen Palolo-Ringelwürmer nutzen stets die Tage nach dem dritten Mondviertel im Oktober, um ihre mit Eiern und Spermien beladenen Hinterteile an die Meeresoberfläche treiben zu lassen. Selbst die größten Fressfeinde sind angesichts dieses Spektakels überfordert. Biologen kennen mehr als 600 Tierarten, die sich vom Mond beeinflussen lassen.

Auch viele Menschen glauben, den Einfluss des staubigen Felsbrockens auf ihr tägliches Leben zu spüren, wahrscheinlich eine Einbildung: "Es gibt bis heute nicht einen einzigen gut belegten Zusammenhang zwischen den Mondphasen und dem menschlichen Verhalten", sagt Edgar Wunder.

Mehr als 700 Studien zu den Auswirkungen des Mondes hat der Heidelberger Soziologe und Amateurastronom ausgewertet. 80 Prozent davon konnten keinen Zusammenhang feststellen, der Rest war widersprüchlich oder methodisch fragwürdig.

Heimliche Kräfte

Weder werden bei Vollmond mehr Kinder geboren, noch häufen sich Verbrechen. Operationen verlaufen komplikationslos, und auch Wunden heilen völlig unabhängig von den Mondphasen.

Mond, Physik und Psychologie: So kennen wir den Himmelskörper.

So kennen wir den Himmelskörper.

(Foto: Foto: dpa)

Nicht einmal auf die Nachtruhe wirkt sich der Mond aus: Um den Haushalt des Schlafhormons Melatonin durcheinanderzubringen, wäre die 900-fache Leuchtkraft des Vollmonds nötig.

Dass dennoch fast 90 Prozent der Deutschen überzeugt sind, der Mond lasse sie schlecht schlafen, hat für Wunder vor allem psychologische Gründe: "Das menschliche Gehirn merkt sich vor allem markante Einzelfälle und vergisst alles andere schnell wieder."

Fallen Vollmond und eine durchwachte Nacht zufällig zusammen, bleibt das im Gedächtnis. Schläft jemand dagegen gut, fällt der Vollmond nicht weiter auf. "Wir haben es hier mit einem klassischen Fall von selektiver Wahrnehmung und Erinnerung zu tun", sagt Wunder. Hinzu komme eine moderne Mondfolklore, die vor allem in den vergangenen 15 Jahren populär geworden ist.

Glaubt man Mondkalendern, sollen je nach Stellung des Mondes Haare geschnitten, Karotten gepflanzt oder Hemden gewaschen werden. "Solche Mondkalender scheren sich nicht um wissenschaftliche Begründungen", sagt Wunder. Dennoch können sie helfen: Menschen bekommen ein Gefühl der Sicherheit, ihr Alltag wird strukturiert, sie fühlen sich eingebunden in eine natürliche Ordnung.

Auch wenn der Mond keine messbaren Kräfte auf die Menschen ausübt, kann seine Wirkung - durch die Psychologie - manchmal ganz stark sein.

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© SZ Wissen, Ausgabe 01/2009/mcs
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