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Mobiltelefone und Hirntumoren:"Ein klares, widerspruchsfreies Bild"

Die Daten stammen aus der Zeit zwischen 2000 und 2004; Forscherteams aus neun der 13 Länder hatten ihre Teilergebnisse seit 2005 veröffentlicht.

Zu den Gesamtkosten von knapp 20 Millionen Euro hatte die Mobilfunkindustrie 5,5 Millionen Euro beigesteuert. Das geschah allerdings in einer Weise, so beteuern die Forscher, die einen Einfluss der Firmen auf die Ergebnisse ausschloss.

Elisabeth Cardis gehört dabei zu den Forschern, die das Risiko für die intensiven Nutzer ernst nehmen. Sie verweist zum Beispiel auf die Daten zur Lokalisation der Tumore.

Krebs in der Nähe des Ohrs

Die Vieltelefonierer unter den Teilnehmern hatten weit überdurchschnittlich einen Krebsbefall in einem Schläfenlappen des Gehirns, also in der Nähe des Ohrs. Außerdem war deutlich stärker die Kopfhälfte betroffen, an die die Patienten ihrer eigenen Erinnerung nach das Handy meist gehalten hatten.

Dieses Teilresultat lässt sich auch nicht damit wegerklären, dass sich die Patienten im Nachhinein eingeredet haben, ihr Handy bevorzugt an der Seite mit dem Tumor benutzt zu haben. Träfe das zu, hätte sich in der Statistik zeigen müssen, dass der Handygebrauch links vor Tumoren rechts schütze. Diese Zahlen waren aber statistisch unzuverlässig.

"Das ergibt ein klares, widerspruchsfreies Bild", bestätigt der Epidemiologe Eberhard Greiser, der früher ein Institut der Universität Bremen leitete und heute mit einer Firma weiter Studien etwa über Fluglärm durchführt.

"Eine hohe Dosis Strahlung führt in dem betroffenen Gewebe zum Ausbruch eines sonst seltenen Krebsleidens." Allerdings hält er es für unverständlich, warum die Studiengruppe "diese plausiblen Daten in der Zusammenfassung als unplausibel darstellt".

Tatsächlich steht auf der ersten Seite der Studie: "Insgesamt wurde kein erhöhtes Risiko für Gliome und Meningeome mit dem Gebrauch von Mobiltelefonen beobachtet."

Risiko oder doch kein Risiko

Die ausführlich dargestellten Resultate zu den intensiven Nutzern bewertet das Paper hier als "Hinweise". "Die Ergebnisse erlauben wirklich nicht den Schluss, dass von der Handy-Nutzung ein Risiko ausgeht", sagt Christopher Wild, Direktor des Internationalen Krebsforschungszentrum der Weltgesundheitsorganisation in Lyon, unter dessen Dach die Interphone-Studie stattfand. Andererseits sei es "voreilig zu sagen, dass mit der Handy-Nutzung kein Risiko verbunden ist".

Die Ambivalenz der Forscher zeigt auch die Wertung von Joachim Schüz vom dänischen Krebsforschungszentrum; er hatte während seiner Zeit an der Universität Mainz den deutschen Arm der Studie begonnen und ihn von Kopenhagen aus weiter geleitet. "Es kann sein, dass die Daten über die intensivsten Nutzer ein ernster Hinweis auf ein erhöhtes Risiko sind, aber es kann auch sein, dass sie vollständig durch Fehler zu erklären sind." Man könne "aus den Daten nicht mehr herausquetschen, als sie hergeben".

Tatsächlich geben sie aber eine Menge her. Die Interphone-Studie hat nämlich mit ihren hohen Fallzahlen eine statistische Hürde übersprungen, an denen frühere Untersuchungen oft gescheitert waren: die statistische Signifikanz.

Neben den Angaben, um wie viel Prozent der Handygebrauch das Krebsrisiko von Teilgruppen erhöht, stellten die Forscher stets das sogenannte Konfidenzintervall. In diesem Bereich liegt ihrer Berechnung nach das wahre Ergebnis zu 95 Prozent Wahrscheinlichkeit. Ohne eine solche Ergänzung wäre die Angabe des Risikos unseriös.

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