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Mikrobiologie:Gefahr aus dem Stall

Legehennen in Niedersachsen

Auch unter Tieren gibt es "Superspreader", die Erreger weit verbreiten, aber selbst nicht krank werden.

(Foto: dpa)

Manchmal streuen infizierte Tiere Erreger, ohne Symptome zu zeigen. Bauern streuen dann Antibiotika ins Futter. Doch diese Praxis könnte die Verbreitung der Bakterien noch beschleunigen.

Wohin Mary Mallon auch ging, Siechtum und Tod folgten ihr auf dem Fuß. Die irische Auswanderin arbeitete zwischen 1900 und 1915 bei sieben Familien als Köchin in New York und ging als "die gefährlichste Frau Amerikas" in die Geschichte des Landes ein. In jedem Haushalt infizierte sie Bewohner mit dem Typhus-Erreger, mehr als 50 waren es insgesamt, drei von ihnen starben.

Doch es ist schwer, Mallon einen Vorwurf zu machen: Sie wusste nicht, dass sie die Seuche übertrug, denn bei ihr selbst zeigten sich keine Symptome. Trotzdem verteilte sie die Bakterien im ganzen Haus und vor allem auf den Mahlzeiten, die sie zubereitete. Die letzten 23 Jahre ihres Lebens verbrachte Typhus-Marie - wie sie von den amerikanischen Zeitungen genannt wurde - in Zwangsquarantäne, bis sie 1938 einem Schlaganfall erlag.

So genannte Superspreader verteilen Krankheitserreger, ohne selbst Symptome zu zeigen

Menschen wie Mary Mallon werden von Infektiologen als "Superspreader" bezeichnet. Bis zu sechs Prozent der Typhus-Infizierten zeigen keine Krankheitszeichen, verbreiten das Bakterium aber massenhaft in ihrer Umgebung. Was sie von anderen Menschen unterscheidet, ist bislang unklar. Doch klar scheint mittlerweile ein anderer, besorgniserregender Umstand zu sein: Nicht nur unter Menschen, sondern auch unter Nutztieren tritt dieses Phänomen auf; und eine Behandlung mit Antibiotika verstärkt das Problem womöglich, anstatt es zu beheben. Doch genau das machen Viehzüchter wahrscheinlich, wenn eine Krankheit in ihrem Stall grassiert und sie den Herd nicht identifizieren können: Sie geben allen Tieren Antibiotika.

Wie dieses Vorgehen das Problem unter Umständen verschlimmert, zeigt nun eine Studie eines Forscherteams um die Mikrobiologin Denise Monack von der Stanford University (PNAS, online). Die Forscher hatten Mäuse mit Salmonella typhimurium infiziert, einem eng mit dem Typhus-Erreger verwandten Bakterium, das gegen viele Antibiotika resistent ist und allein in den USA für etwa eine Million Lebensmittelvergiftungen jährlich verantwortlich ist.

Bekamen die infizierten Tiere anschließend ein Antibiotikum, das gegen den Keim nichts ausrichten kann, verschlimmerten sich die Symptome - allerdings nur bei solchen Mäusen, die keine Superspreader waren. Das liegt vermutlich daran, dass die Arznei hilfreiche andere Bakterien abtötet, die den Erreger ansonsten an der hemmungslosen Vermehrung hindern würden. Nur die Superverteiler zeigten auch dann noch immer keine Symptome, wenn sie Antibiotika bekamen. Sie schieden nur weiterhin massenhaft infektiöse Keime aus.

"Wenn sich herausstellt, dass dies auch bei Vieh passiert - und ich glaube, das wird es - dann haben wir ein ernstes Problem für die öffentliche Gesundheit", sagt Monack. Superspreader in der Landwirtschaft wurden mehrfach mit Salmonellen- und E.-coli-Infektionen bei Menschen in Verbindung gebracht. Wenn infizierte Rinder, Schweine und Hühner genauso auf Antibiotika reagieren wie die Mäuse in Monacks Labor, könnte das weitreichende Folgen haben. "Wir müssen die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass wir die Ausbreitung von Keimen von Tieren auf den Menschen beschleunigen", sagt die Forscherin.

Verschärft wird das Problem vor allem in den USA durch die dort noch immer gebräuchliche andauernde Antibiotikafütterung in niedrigen Dosen. Dadurch erhoffen sich einige Bauern ein schnelleres Wachstum des Viehs. In der Europäischen Union ist diese Praxis zwar bereits seit 2006 verboten, trotzdem werden auch in Deutschland noch immer massenhaft Antibiotika eingesetzt, um Krankheitsausbrüche in Viehbeständen unter Kontrolle zu bringen. Im Jahr 2012 waren es allein 1600 Tonnen.