Süddeutsche Zeitung

Mikrobiologie:Bakterien Airways

Stürme transportieren Staub und Sand aus der Sahara über das Mittelmeer. Auf den Partikeln reisen auch Passagiere mit: Wissenschaftler haben Bakterien und Pilze entdeckt, die der Wind aus Nordafrika bis auf die Gletscher der Alpen geweht hat.

Von Hanno Charisius

Wenn Stürme Staub aus der Sahara nach Europa wehen, reisen immer auch winzige Passagiere über das Mittelmeer. Der Biologe Tobias Weil hat Staubablagerungen in den Alpen untersucht und Mikrobengemeinschaften gefunden, die typisch sind für Böden in Mali, Mauretanien, Marokko und Algerien. Weil interessierte sich besonders für jene Schneeschichten, in denen sich während eines heftigen Sturms im Winter 2014 Staub als rötliche Schicht abgesetzt hatte. Zu seiner Überraschung stieß er dabei nicht auf vereinzelte Mikroben, sondern auf mikrobielle Lebensgemeinschaften, die als biologische Luftfracht in den Norden gelangten. Viele der neuen Spezies seien besonders widerstandsfähig und könnten die lokalen Mikrobenpopulationen verdrängen, schreiben Weil und Kollegen im Journal Microbiome.

Zu den zugereisten Mikrobenfamilien zählen zwar auch solche, die Krankheiten bei Menschen auslösen können, oder Pilze, die Kulturpflanzen befallen. Doch Weil gibt sich gelassen: "Keine Angst vor rosa Schnee." Italienische Medien hätten teils sehr alarmistisch über die Ergebnisse berichtet, sagt Weil, zurzeit aber bestehe kein Grund zur Furcht. Allerdings mahnen er und seine Kollegen zu erhöhter Vorsicht. "Durch Veränderungen in der Landnutzung und den Klimawandel werden die Stürme häufiger und heftiger", sagt Weil. Da die Gletscher wegen steigender Temperaturen abschmelzen, gelangen große Mengen der per Windfracht angereisten Mikroben in die Umwelt. Im Schmelzwasser von Gletschern wurden bereits ortsunübliche Mikroben aufgespürt.

Die biologische Luftpost vom anderen Kontinent ist wahrscheinlich kein neues Phänomen. "Solche Stürme gibt es seit Jahrhunderten", sagt Weil. Er will nun Gletscher anbohren und in den tiefen Eisschichten nach Bakterien und Pilzen suchen. Nur so lasse sich abschätzen, welche Folgen die Gletscherschmelze für die Umwelt haben wird. Die Forscher fordern außerdem ein Überwachungsprogramm, das frühzeitig auf Gefahren aus dem Eis aufmerksam machen soll.

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Quelle:
SZ vom 05.04.2017
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