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Film von Michael Moore über Klimapolitik:"Viele Fakten vollkommen veraltet oder falsch"

Hinterlässt Windenergie nichts als Ruinen und zerstörte Landschaften? So stellt es "Planet of the Humans" dar. Fachleute widersprechen.

(Foto: POTH)

Michael Moores neuer Film "Planet of the Humans" ist ein Plädoyer für das Aussterben und seiner Zeit schon hinterher - zum Glück.

Michael Moore, das muss man ihm lassen, hat ein Problem erkannt. "Gewinnen wir diesen Kampf? Nein!", sagt der US-Filmemacher in einem Interview mit dem Sender Hill TV zu seinem neuen Film "Planet of the Humans". Es geht darin um den Klimawandel, erneuerbare Energien und Umweltzerstörung, und Moores Fazit nach einem halben Jahrhundert Umweltbewegung ist vernichtend: "Was wir gemacht haben, hat nicht funktioniert." Also, folgert er, müsse man wohl darüber nachdenken, wie es anders gehe.

Nun soll der unter Moores Leitung produzierte Film, gedreht und koproduziert von Jeff Gibbs, zu diesem Denkprozess anregen. Umwelt- und Energieexperten werfen den Machern allerdings vor, dass dem Film selbst ein wenig Nachdenken und Recherchieren auch nicht geschadet hätte. Dafür bekommt Moore Zuspruch von ungewohnter Seite: Er, der mit Filmen wie "Bowling for Columbine" über die Waffenkultur oder "Fahrenheit 9/11" über die von den Terroranschlägen des 11. September geprägte Politik in den USA der Held der Linken war, wird nun von rechtspopulistischen Portalen wie Breitbart gefeiert.

Der Film, der frei auf Youtube zu sehen ist, stellt alle Bemühungen, der Klimakrise mit einem Umbau der Energiesysteme zu begegnen, als hoffnungslos dar: Erneuerbare wie Wind- und Solarenergie verbrauchten mehr fossile Energie in der Herstellung, als sie letztlich lieferten - "da hätte man besser gleich die fossilen Brennstoffe verbrannt". Außerdem trügen sie zur Umweltzerstörung bei, zudem sei das alles sinnlos, weil die Schwankungen von Wind und Sonnenschein nie und nimmer mit dem Bedarf in Einklang zu bringen seien. Der ganze Siegeszug der Ökoenergien wird als Lüge und Geschäftemacherei von Großkonzernen dargestellt, mit denen Umweltverbände gemeinsame Sache machten. Das eigentliche Problem, so der Grundtenor des Films, sei das Zusammenspiel von Kapitalismus und Bevölkerungswachstum. "Nicht das CO₂-Molekül zerstört den Planeten, wir sind es", sagt am Ende des Films die Grabesstimme aus dem Off.

Die vorgeführten Solaranlagen sind veraltet, mittlerweile liegt die Effizienz viel höher

Aber Gibbs hat rund ein Jahrzehnt an dem Film gearbeitet - im Bereich erneuerbarer Energien eine gefühlte Ewigkeit - und diese Zeitspanne merkt man dem Werk aufs Erschütterndste an. "Es ist, als würde man einen Film über die Nutzlosigkeit von Mobiltelefonen machen, indem man nur das Motorola Ultra Sleek anschaut", schreibt der Energieexperte Ketan Joshi treffend in seinem Blog. Das Modell aus den späten Achtzigern wurde auch "der Ziegelstein" genannt.

So verzweifelt Gibbs darüber, wie wenige Haushalte ein Solarpark versorgt. Aber die besuchte Installation ist alt, statt wie damals acht Prozent Effizienz sind heute bis zu 25 Prozent normal, bei weniger Herstellungsaufwand. Offenbar haben Gibbs und sein Protagonist, der Autor Ozzie Zehner, der sich erst im Abspann als Koproduzent zu erkennen gibt, sich auch kaum mit den Lebenszyklen von Wind- oder Solaranlagen befasst. Sonst wüssten sie, wie absurd die Behauptung ist, Ökoenergien würden mehr Energie verbrauchen, als sie liefern - das ist längst widerlegt. Auch die in den Nullerjahren beliebte Annahme, schwankende Energiequellen ließen sich kaum ins Stromnetz integrieren und könnten fossile Brennstoffe nicht verdrängen, haben Länder wie Deutschland, Dänemark oder Großbritannien ad absurdum geführt.

Deutschland kommt in dem Film jedoch nur als Negativbeispiel vor, zum Beispiel was die Nutzung von Biomasse angeht. Auf die hat es Gibbs besonders abgesehen: Er zeigt Bilder von Kahlschlägen in den USA und schließt daraus, dass Biomasse böse ist. Hämisch verweist er darauf, dass selbst in Deutschland mit seinem Wind- und Solarwunder rund die Hälfte der Ökoenergie aus Biomasse stammt, wenn man den Gesamt-Energieverbrauch betrachtet, ha, wie scheinheilig!

"Der Film ist ein destruktiver, nihilistischer Versuch, eine dunkle Weltsicht darzustellen"

Nur: So einfach ist es nicht. Natürlich sind etwa Biotreibstoffe aus Mais oder Palmöl höchst problematisch. Aber die machen nur einen kleinen Teil aus. "Der größte Teil der Biomasse wird in Deutschland im Wärmebereich genutzt", sagt die Bioenergie-Expertin Daniela Thrän vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. "Das sind meist Holzscheite oder Hackschnitzel, die in der Regel aus der Gegend kommen und im Zusammenhang mit der Holznutzung anfallen: Im Wald wächst ein Baum, kein Brett." Mit Blick auf Ressourcen und Kreisläufe sei das relativ unkritisch. Im großen Stil Holz in umgerüsteten Kraftwerken für Strom zu verbrennen, wie es etwa in Großbritannien geschieht, sei schon eher problematisch, sagt Thrän. "Der Kraftwerkspark würde enorme Mengen brauchen, und die Produktion aus nachhaltiger Forstwirtschaft ist begrenzt." Das heißt aber nicht, dass Biomassenutzung zwangsläufig in die Umweltkatastrophe führt.

"Es ist zumindest teilweise berechtigt, auf Missstände hinzuweisen, etwa bei der Bioenergie", sagt Andreas Graf vom Think Tank Agora Energiewende. Problematisch sei aber, dass viele Fakten veraltet oder falsch seien. "Der Film ist ein destruktiver, nihilistischer Versuch, eine dunkle Weltsicht darzustellen und die grünen Energien und die lösungsorientierte Umweltbewegung zu diskreditieren."

Tatsächlich bleibt als Alternative praktisch nur das eigene Aussterben, wenn man sich die Sicht des Films zu eigen macht. Zwar wirbt Gibbs für Bescheidenheit: weniger Menschen, die weniger konsumieren, das soll die Rettung sein. Aber wenn man Erneuerbare ablehnt, ist auch das keine Lösung. Solange noch ein Jeff Gibbs in einem erdölbetriebenen Auto durch Amerika tingelt, um uralte Solarparks zu besuchen, ist die Sache nicht nachhaltig. Und wenn er der Letzte wäre, der das tut.

© SZ vom 06.05.2020/hmw
Kinostart - 'Fahrenheit 9/11'03:48

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