Menschen, Tiere und Moral Wir brauchen Empathie - Fleisch brauchen wir nicht

Nach allem was wir inzwischen wissen, können wir davon ausgehen: Von Empathie kann eine Gesellschaft, in der sich alle ein möglichst sicheres und gutes Leben wünschen, gar nicht genug haben. Es gilt deshalb, sie zu fördern. Auf Fleisch dagegen können wir getrost verzichten.

Zwar kann man nicht sagen, dass alle Fleischkonsumenten unsensible Tierquäler sind oder weniger Empathie aufweisen als etwa Vegetarier. Von denen verzichten viele schließlich aus gesundheitlichen Gründen auf Fleisch.

Aber eine Entscheidung, aus Mitgefühl bewusst auf Fleischkonsum zu verzichten, könnte vielleicht das Mitgefühl in unserer Gesellschaft insgesamt stärken. Vielleicht, so meine Hoffnung, führt ein Mehr an Mitgefühl und Respekt vor Tieren zu einer ingesamt größeren Bereischaft, sich auch in andere Menschen zu versetzen. Und wir können unseren Kindern Mitgefühl mit Tieren beibringen, wenn wir es ihnen vorleben - eben indem wir darauf verzichten, so grausam zu sein, Tiere ohne Not zu töten, nur zur Bereicherung des Speiseplans. Ein solches Vorbild kann jeder sein - mit oder ohne Kinder.

Kant als Zeuge

Diese Hoffnung ist nicht naiv oder romantisch. Sie speist sich aus rein soziobiologischen, manche würden sagen: biologistischen Argumenten. Auch Immanuel Kant, der große Philosoph der Aufklärung, empfahl 1797 in seiner "Metaphysik der Sitten" die "Enthaltung von gewaltsamer und zugleich grausamer Behandlung der Tiere". Denn durch Tierquälerei würde das "Mitgefühl an ihrem Leiden im Menschen abgestumpft". Und so könnte eine "der Moralität, im Verhältnisse zu anderen Menschen, sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt" werden.

Kant befürchtete also, dass Menschen, die nicht davon abgehalten werden, Tiere grausam zu behandeln, ihr Mitgefühl nach und nach auch gegenüber ihren Mitmenschen verlieren.

Für Immanuel Kant gehörte die "behende (ohne Qual verrichtete) Tötung" von Tieren unter die Befugnisse des Menschen. Aber Tierqäulerei, so befürchtete er, könnte der "Moralität" der Menschen abträglich sein.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Dann ist es genauso gerechtfertigt, anzunehmen: Mit der Förderung des Mitgefühls für Tiere könnte diese "Moralität" gestärkt werden.

Je mehr ich über das Thema nachdenke, und umso mehr mir die Bedeutung der Empathie klar wird, umso mehr quält mich mein Gewissen und das Gefühl, verantwortungslos zu handeln, wenn ich ohne Not Tiere verzehre. Ich werde jedenfalls in Zukunft noch weit konsequenter auf Fleisch verzichten.

Ach ja, übrigens: Die Tatsache, dass auch auf jedem Acker Insekten und Kleinsäuger sterben, weil wir pflanzliche Nahrung brauchen, rechtfertigt den Vorwurf nicht, Vegetarier oder Veganer seien auch Mörder. Menschen müssen essen, das ist eine Notwendigkeit. Wenn sich dabei der Tod von Tieren nicht vermeiden lässt, dann ist das kein Mord. Wer aus Mitgefühl auf Fleisch verzichtet, bedauert wohl auch den Tod von leidensfähigen Tieren.

Außerdem sind Fleischprodukte, aber auch Milch und Eier das Ergebnis einer Umwandlung von pflanzlichem in tierisches Material. Dabei gehen große Mengen von Kalorien verloren. Für eine tierische Kalorie werden - je nach Tierart und Berechnungsform - vier bis 21 pflanzliche Kalorien benötigt. Das bedeutet: Um die Menschen mit der gleichen Energie zu versorgen, wird für Fleisch, Milch und Eier mehr Anbaufläche gebraucht als wenn dort Pflanzen direkt für den menschlichen Verbrauch angebaut würden. Natürlich gibt es globale Verteilungsprobleme. Und manche Weiden taugen nicht zum Acker, so dass dort nur über Tiere Nahrung produziert werden kann. Trotzdem verstärkt die gigantische Produktion von Fleisch, Milch und Eiern sicher das globale Hunger- und Trinkwasserproblem - insbesondere angesichts der wachsenden Weltbevölkerung -, und belastet die Umwelt.

So erklärte 2009 Olivier de Schutter, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen zum Recht auf Nahrung: "Wenn wir den Fleischkonsum in den reichen Ländern reduzieren, ihn weltweit bis 2050 auf einem Pro-Kopf-Verbrauch auf dem Niveau von 2000 festschreiben - also auf jährliche 37,4 kg/Kopf - dann könnten ungefähr 400 Millionen Tonnen Getreide für die menschliche Ernährung freisetzt werden. Das ist genug um 1,2 Milliarden Menschen mit ausreichend Kalorien zu versorgen".

Die Konsequenz daraus muss sein, Änderungen in der Landwirtschaft zu fordern. Aber nicht, wie es in manchen Internetforen geschieht, Vegetariern Esoterik vorzuwerfen und schlicht das Verzehren von Weidetieren zu empfehlen.

Ähnliches wie für Schlachtvieh gilt auch für Tiere in Versuchslabors. Wenn wir sie verbrauchen, um menschliches Leiden zu verringern, dann kann das gerechtfertigt sein. Nur sollten wir auch hier die Notwendigkeit des "Konsums" mitfühlend abwägen und Tierversuche nur dort zulassen, wo sie unbedingt sein müssen.

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(Nach dem Verfassen des Textes hat der Autor beschlossen, in Zukunft auf Fleischkonsum völlig zu verzichten.)

(In einer ersten Fassung des Textes war Olivier De Schutter mit der Zahl von 400 Millionen Kilogramm Getreide zitiert worden. Es muss allerdings Tonnen heißen.)