Menschen, Tiere und Moral Die Bedeutung des Mitgefühls

Die Angelegenheit lässt sich jedoch auch aus einem anderen, einem tiefer gehenden Blickwinkel betrachten. Einem Blickwinkel, über den sich auch die Frage beantwortet lässt, wieso wir überhaupt auf die Idee kommen, über Rechte von Tieren nachzudenken.

Tatsache ist, dass ganz viele Menschen es als grausam empfinden, wie mit Tieren umgegangen wird oder dass sie überhaupt geschlachtet werden. Und viele Menschen haben Mitleid mit dem gerissenen Hirsch und sogar der Raupe, in der die Larven einer Schlupfwespe parasitieren. Das gilt für Fleischesser genauso wie für Vegetarier. In vielen Ländern gibt es deshalb ja auch Tierschutzgesetze und Vorschriften für den Umgang mit Tieren in der Landwirtschaft.

Menschlich und unmenschlich

Mitgefühl und Mitleid sind offensichtlich etwas zutiefst Menschliches. Nur wenige Tiere wie Affen, Delphine, Hunde, Elefanten und Ratten zeigen Hinweise darauf, dass auch sie in der Lage sind, bis zu einem gewissen Grad nachzuvollziehen, wie es einem anderen Lebewesen gehen mag - und dass sie darauf reagieren. Bei solchen Tieren sind zugleich auch die ersten Ansätze von Moral zu beobachten, wie das etwa die Arbeiten des niederländischen Primatenforschers Frans de Waal zeigen. So helfen sich manche Tiere gegenseitig, und zeigen sogar einen Sinn für Ungerechtigkeit und Fairness.

Schweine im Schlachthaus. Viele Menschen haben Mitleid mit den Tieren. Und das ist besser, als wenn es ihnen egal wäre.

(Foto: REUTERS)

Aber bei keinem Tier ist diese Fähigkeit, mitzufühlen so stark ausgeprägt wie beim Menschen. Das Verständnis dafür, dass nicht nur wir selbst leiden, sondern andere ebenfalls, und dass wir zu einem gewissen Grad sogar mitleiden, führt zu dem Bedürfnis, das fremde und damit auch das eigene Leid zu lindern. Genau betrachtet ist Hilfsbereitschaft nicht selbstlos, sondern hat auch positive Effekte für den Helfer selbst: Verhaltensforscher gehen davon aus, dass hier ein sogenannter reziproker Altruismus wirkt. Menschen neigen dazu, dem Motto "Wie du mir, so ich dir" zu folgen: Gutes wird mit Gutem vergolten und Schlechtes mit Schlechtem.

Das wirkt sich auf die gesamte Gesellschaft aus: Wohltaten werden eher belohnt, Selbstsucht eher sanktioniert. Ausgehend von dieser sogenannten "Tit-for-Tat"-Strategie des einzelnen Individuums entwickelt sich eine Gesellschaft, aus der die meisten mehr Vorteile ziehen können und sich wohler und sicherer fühlen als in einer Gruppe von Egoisten oder Psychopathen (also Menschen ohne Empathie). Und das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen, hilft Verständnis für sie entwickeln, Angst und Ablehnung abzubauen und so Konflikte zu vermeiden oder zu beenden

Empathie ist variabel

Die Fähigkeit zur Empathie hat sich während der Entwicklungsgeschichte also als Selektionsvorteil erwiesen. Doch sie kann sich individuell verschieden stark entwickeln. Ganz von selbst wird aus einem neugeborenen Kind jedenfalls kein Wesen voller Mitgefühl für Menschen und Tiere. In vielen Kulturen und unterschiedlichen Religionen wird dem Nachwuchs deshalb beigebracht, Menschen - zumindest jene in der eigenen Gruppe - zu achten. Das spiegelt sich zum Beispiel im Judentum und Christentum im Gebot der Nächstenliebe wider.

Wie weit die gegenseitige Unterstützung in einer Gesellschaft und von Menschen weltweit tatsächlich geht, hängt jedoch von den Umständen ab - zum Beispiel davon, durch welche Interessen Individuen und Gruppen jeweils motiviert sind. So lässt sich bei gewaltsamen Konflikten das Mitgefühl für Angehörige einer gegnerischen Gruppe dämpfen. Sie werden als Aggressoren verteufelt und entmenschlicht. Diese Strategie prägt die Kriegspropaganda bis in die Gegenwart.

Die Ausprägung unserer Empathie ist also variabel, sie lässt sich fördern und bremsen. Und das gilt auch für unser Mitgefühl für Tiere. So wird in vielen Kulturen gelehrt, Tiere nicht grausam zu behandeln: Quäle nie ein Tier, es spürt den Schmerz wie wir, heißt es sinngemäß. Das fördert die Empathie. Und wie notwendig solche Lehren sind, zeigt zum Beispiel die Entwicklung in Europa: So wurden unsere Mit-Lebewesen dort bis in die Neuzeit hinein als Sachen betrachtet, von manchen Wissenschaftlern sogar als seelenlose Automaten (René Descartes), die man getrost bei lebendigem Leibe sezieren durfte. Mit diesen Vorstellungen begannen erst Philosophen wie Voltaire und Denis Diderot in Frankreich, Jeremy Bentham in Großbritannien und später in Deutschland Arthur Schopenhauer aufzuräumen.