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Meinung:Ja und Nein

In puncto Kernkraft gehen die Meinungen bei jungen Wissenschaftlern auseinander. Als kohlendioxidfreien Energielieferanten befürworten manche die Kernkraft, andere hingegen sehen Probleme im sicheren Betrieb von Kraftwerken.

Existenzielle Bedrohung

Sébastien Philippe.

(Foto: privat)

Sébastien Philippe, 32, Postdoc an der Harvard Kennedy School, USA: Kernkraft ist eine risikoreiche Technologie. Es ist immer leicht, die Betreiber dafür verantwortlich zu machen, wenn etwas schief geht. Doch wir müssten die Methodik, anhand derer wir entscheiden, ob ein Reaktor sicher ist, ändern. Es wird kaum auf mögliche Zusammenhänge geschaut, und die Basis, auf der wir Kraftwerke untersuchen, ist viel zu begrenzt.

Was auch Sorgen macht, ist die Frage nach der Haftung. In den meisten Ländern haften die Betreiber bis zu einem gewissen Grad. Aber die Planer eines Kraftwerks sind nicht haftbar. Angesichts einer Unfallwahrscheinlichkeit, die bei eins zu einer Million pro Jahr liegt, muss die Haftungsfrage gelöst werden.

Auch bei den Atomwaffen ist meiner Ansicht nach mehr Begrenzung nötig. 1000 Waffen befinden sich derzeit in Alarmbereitschaft, sie können jederzeit abgeschossen werden. Die Größe des Arsenals ist eine existenzielle Bedrohung unserer Zivilisation. Immerhin gibt uns die Nuklear-Archäologie die Möglichkeit festzustellen, wie viel Plutonium oder hochangereichertes Uran in der Welt ist. Schon mit einem kleinen Stück Beton oder Stahl aus dem Reaktor kann man messen, wie viel Plutonium dort produziert worden ist. Mehr Reaktoren sollte man gar nicht bauen, sonst ist nur noch mehr Plutonium unterwegs.

Keine Waffen

Nicolas Peter.

(Foto: privat)

Nicolas Peter, 31, Doktorand am Max-Planck-Institut für Eisenforschung, Düsseldorf: Der größte Vorteil von zivil genutzter Kernkraft ist eindeutig die Energieausbeute. Auch entsteht bei der Stromerzeugung, abgesehen vom Bau, kaum Kohlendioxid. Doch die Nachteile sind gravierend, das hat man zuletzt bei Fukushima gesehen: Wenn etwas schiefgeht, ist es katastrophal. Und der Müll strahlt etwa 100 000 Jahre lang. Wir können gar nicht absehen, was passiert. Reizvoll finde ich hingegen die Möglichkeit, den umgekehrten Prozess zu nutzen, Fusion statt Kernspaltung. Denn der Prozess wäre im Gegensatz zur Spaltung gut stoppbar. Die militärische Nutzung ist gerade wieder im Gespräch, aber ich bin kein Freund davon. Nur wenige Länder können sich Atomwaffen überhaupt leisten, und dadurch gewinnen sehr wenige Länder sehr große Macht. Außerdem ist ein Knopf schnell gedrückt, und man weiß nie, wer an die Macht kommt und darüber entscheidet.

Besser erneuerbar

Fiona Panther.

(Foto: privat)

Fiona Panther, 27, Dozentin, University of New South Wales, Canberra: Kernenergie ist besser als fossile Brennstoffe, und sie stellt auch für unseren Planeten ein geringeres Risiko dar, weil sie nicht zum Klimawandel beiträgt. Allerdings glaube ich, dass erneuerbare Energiequellen wie Wind und Sonne die weitaus besseren Optionen sind. Wenn auch das Risiko einer Nuklearkatastrophe in modernen Reaktoren sehr gering ist, ist es doch so, dass Naturkatastrophen, die wir nicht kontrollieren können wie der Tsunami und das Erdbeben, die den Reaktor in Fukushima beschädigt haben, die erneuerbaren Energiequellen zu einer wesentlich besseren Lösung für die Menschen und die Umwelt machen. Das sichere Deponieren des Atommülls ist ein Problem, das uns Jahrtausende beschäftigen wird, ähnlich wie der Klimawandel. Ich glaube nicht, dass wir da eine zufriedenstellende Lösung gefunden haben. Dagegen produzieren erneuerbare Energien keinen gefährlichen Abfall.

Atomkraft, ja bitte

Patrick Pallagi.

(Foto: privat)

Patrick Pallagi, 21, Pearson Scholar an der University of Toronto: Technologische Innovation wird entweder vom Vorsorgeprinzip oder vom proaktiven Prinzip getrieben. Ich glaube, dass wir uns dafür entscheiden werden, in Systeme und Technologien zu investieren, die uns zuverlässig helfen. Ich bin für Kernkraftwerke, und auch wenn ich denke, dass sie bald anderen Lösungen wie dem Tokamak-Fusionsreaktor unterlegen sein werden, sind sie derzeit am effizientesten, wenn es darum geht, das lebhafte Wachstum unserer Städte zu ermöglichen. Was die Probleme betrifft, so bin ich überzeugt, dass das Schaffen von sichereren und besseren Systemen ein Hauptziel der kontinuierlichen technologischen Innovation ist. Wenigstens dienen die Katastrophen dem Zweck, uns zu zeigen, dass wir uns auf sichere und elegante Lösungen konzentrieren sollten.

In puncto Müll befürworte ich das proaktive Prinzip. Diesem zufolge müssen die Kosten einer restriktiven Maßnahme gegen die Kosten eines möglichen Schadens, der durch eine neue Technologie entsteht, abgewogen werden. Ich sehe zwei Optionen: entweder eine riesige dezentrale Herausforderung wie den Klimawandel oder eine lokal zentralisierte wie das Deponieren von Atommüll. Meine Intuition sagt mir, dass erstere schwerer zu lösen ist, daher bin ich für die Kernenergie.