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Megaprojekt:Maos Aquädukt soll Chinas Durst stillen

Jahrzehnte nach seinem Tod wird eine wahnwitzige Idee des Diktators wahr: Ein 3500-Kilometer-Aquädukt, das Wasser quer durch China pumpt. 300 000 Menschen müssen ihre Heimat verlassen.

Von Christoph Behrens, Jinan

Spring City, Stadt der Quellen, wirbt das große Werbeschild, darauf ein idyllischer See und ein chinesisches Pagodentürmchen. Dahinter wartet die Tristesse. Ein künstlicher Teich aus Beton ist knöcheltief mit dunklem Wasser gefüllt, gelbe Tretboote für Kinder ankern in einer Ecke. Goldfische driften von einer Seite zur anderen, die meisten mit dem Bauch nach oben. Doch die Hauptattraktion des "Yellow River Parks" in der chinesischen Stadt Jinan kommt noch: Hinter einem haushohen Deich fließt eine braune Brühe, breit wie ein Dorf. Träge wälzt sie sich an schlammigen Ufern voller Plastikmüll vorbei. Ein paar Einwohner der Millionenstadt haben sich zum Grillen neben Abfallhaufen und abgewrackten Fischerbooten verabredet, aus Lautsprechern ertönt asiatische Popmusik. Willkommen am Gelben Fluss, einem der verdrecktesten Gewässer Chinas.

Einst nannten die Chinesen diesen Strom voller Stolz "Mutterfluss" und "Wiege der chinesischen Zivilisation". Auf 5464 Kilometern durchquert der "Huang He" das gesamte Land, von seiner Quelle im Hochland von Qinghai im Westen bis zur Mündung im Pazifik versorgt er etwa 150 Millionen Menschen und 15 Prozent der Felder des Landes mit Wasser. "Wer immer den Gelben Fluss kontrolliert, der kontrolliert China", dieser Ausspruch wird dem legendären Herrscher Yü dem Großen zugeschrieben, der 2200 Jahre vor Christus gelebt haben soll.

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Die mittlere Route des "Süd-Nord-Wassertransferprojekts" führt Trinkwasser durch die Metropole Jiaozuo in Zentralchina bis nach Peking.

(Foto: Xinhua/Xinhua Press/Corbis)

Heute kontrolliert der Dreck den Gelben Fluss. Ungefähr vier Milliarden Tonnen Abwässer fließen pro Jahr hinein, so lautet eine Schätzung; neun Provinzen sind daran beteiligt. Mancher entsorgt Gülle, anderer Klärschlamm, Gerbstoffe, Bleichmittel, Chemikalien aus der Kohleindustrie. An der Mündung in der Provinz Shandong, in der Jinan liegt, ist das Wasser kaum mehr für Industriezwecke zu gebrauchen, geschweige denn zum Trinken.

Noch gravierender als die Luftverschmutzung

In manchen Jahren trocknet der Fluss ganz aus, bevor er den Pazifik erreicht. In Shandong wie im ganzen Norden Chinas ist das Wasser deshalb nicht nur verschmutzt, sondern auch knapp. Daher entnimmt China immer mehr Grundwasser, doch auch das geht nicht mehr gut. In Jinan ist es mit dem Ehrentitel "Stadt der Quellen" nicht mehr weit her - letzten Sommer versiegte die "Schwarze Tiger"-Quelle, die der Stadt ihren Beinamen gibt und von der viele Bewohner bislang ihr Trinkwasser bezogen.

In einem Hochhauskomplex im Diplomatenviertel Pekings sitzt der Umweltschützer Ma Jun im zehnten Stock und blickt an seinem Bildschirm auf eine Karte von China, sie zeigt die Wasseradern des Landes. "Die Verschmutzung zerstört unsere knappen Wasserressourcen", sagt Ma. "Und im Norden ist das Wasser ohnehin knapp. Die Kombination aus diesen Faktoren macht die Lage ziemlich ernst." Ma hat die Umweltorganisation "Institute of Public and Environmental Affairs" (IPE) gegründet, eine Art chinesischer Umwelthilfe. Als einer der Ersten warnte er vor mehr als 15 Jahren vor Chinas Wasserkrise. Ma hält sie für ein noch gravierenderes Umweltproblem als die Luftverschmutzung, die immerhin 1,2 Millionen Chinesen jedes Jahr das Leben kostet. Seit seiner Warnung ist viel Zeit verstrichen, und die Probleme sind größer geworden. Das Umweltministerium bewertet mittlerweile 60 Prozent des chinesischen Grundwassers als "ziemlich schlecht" oder "sehr schlecht", in jedem Fall sei der Kontakt damit für Menschen nicht ratsam.

Ein gewaltiges Infrastrukturprojekt, das noch die Handschrift des großen Vorsitzenden Mao Zedong trägt, soll die Lage jetzt entschärfen. Nur ein paar Kilometer südlich des "Yellow River Parks" in Jinan haben Arbeiter Betonteile in die Erde getrieben und im Untergrund zu einem Kanal geformt. Er bildet einen Arm des "Süd-Nord-Wassertransferprojekts": ein Netzwerk aus Pipelines, Tunnels und Aquädukten, die sich ebenerdig, unterirdisch oder einige Meter über der Erde Tausende Kilometer weit durch China ziehen. Zwölf Jahre wird bereits daran gebaut, drei Routen soll es am Ende geben, eine östliche, mittlere und westliche. Allein die östliche Route, die Wasser aus der Nähe von Shanghai in wasserarme Regionen wie Shandong und Peking bringt, ist mehr als 1500 Kilometer lang, so weit wie der Weg von Dänemark nach Italien.

70 Milliarden Euro kostete das Bauwerk bereits, 300 000 Menschen wurden umgesiedelt

Auch der mittlere Abschnitt, der das Wasser des Jangtse-Flusses in der zentralen Provinz Hubei anzapft, transportiert seit Kurzem Wasser bis nach Peking. Gemeinsam mit der westlichen Route, die erst noch gebaut wird, soll dieses Netzwerk laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua dereinst rund 44,8 Milliarden Kubikmeter Wasser im Jahr bewegen. "Das ist so, als würde man jedes Jahr den halben Nil von Kairo in den Norden Syriens umleiten", sagt die US-Geografin Britt Crow-Miller, die den Bau des Aquädukts mehrere Jahre beobachtet hat. "Es ist das größte Wasserkontrollprojekt der Menschheitsgeschichte."

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Fertiggestellte und geplante Kanäle

Das Problem, das mit der Megalomanie gelöst werden soll: Chinas Wasser ist äußerst ungleichmäßig verteilt. Der Norden ist staubtrocken und durstig, allein die 23 Millionen Einwohner Pekings verbrauchen mit 3,6 Milliarden Kubikmetern Wasser im Jahr etwa 50 Prozent mehr, als Flüsse und Boden bereitstellen können. Da die Metropole in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewachsen ist, gilt sie inzwischen als eine der trockensten Hauptstädte der Welt. Zugleich zapfen Stahlwerke und Kohleindustrie die Flüsse des Nordens an. Der Süden dagegen ist feucht, regnerisch und wird regelmäßig von Überschwemmungen heimgesucht. "Ein bisschen Wasser auszuleihen wäre gut", erklärte daher Mao Zedong Anfang der 1950er-Jahre. Doch erst nachdem Peking Anfang des Jahrtausends die Olympischen Sommerspiele zugesprochen bekommen hatte, begannen die Bauarbeiten.

Da war Mao längst tot, doch sein Größenwahn lebt in den Dimensionen des "Süd-Nord-Wassertransferprojekts" weiter. Etwa 70 Milliarden Euro hat der Bau der Pipelines bereits verschlungen, mehr als 300 000 Menschen sind umgesiedelt worden, weil sie dem Wasser im Weg standen. 3500 Kilometer überbrückt das Aquädukt. Mehr als ein Dutzend Flüsse überwindet oder unterquert das Bauwerk. Um den Gelben Fluss zu passieren, ließen die Ingenieure einen 7,2 Kilometer langen Tunnel graben. Mit einem zwölf Kilometer langen Bogen, der einen Fluss in der Henan-Provinz überspannt, stellen sie nebenbei einen neuen Längenweltrekord für oberirdische Aquädukte auf.

Im Umweltschutz herrscht "eine perverse Anreizstruktur"

Jetzt fließt das Wasser, und die Staatsmedien verkünden den Triumph der Technik. Das Aquädukt habe "eine Trockenheit in Pingdishan abgewendet", lobte die Nachrichtenagentur Xinhua. Fotos zeigen jubelnde Bauern im Norden. Was sie nicht zeigen, sind die Tausenden Menschen, die für das Wasser ihre Heimat verlassen mussten und dafür Entschädigungen von rund 100 Euro pro Jahr erhalten. Was auch nicht erwähnt wird, sind die Schwierigkeiten. Ein Großteil des Wassers wird nur dazu gebraucht, den Grundwasserspiegel in Peking wieder aufzufüllen. Zudem kämpfen die Verantwortlichen mit Qualitätsproblemen: Während an der Oberfläche in der Hitze viel Wasser verdunstet, sickert von unten an zahlreichen Stellen Grundwasser ein - und das ist oft verschmutzt. Und bei der mittleren Route haben die Ingenieure sich sogar mit der Wassermenge vertan - statt zwölf Kubikkilometer Wasser pro Jahr lassen sich nach Angaben von Insidern bisher nur neun aus dem Jangtse-Becken umleiten.

A CHINESE WORKER LOOKS AT A PORTRAIT OF THE LATE CHAIRMAN MAO ZEDONG IN BEIJING

Mao Zedong: Die Natur als Feind

(Foto: REUTERS)

Für besseren Schutz der bestehenden Gewässer werden die Kanäle nicht sorgen. "Die Wasserverschmutzung ist das erste Problem. Erst danach kommt die Knappheit", sagt Xianfang Song, Hydrologe an der chinesischen Akademie der Wissenschaften. Der "gute Weg" wäre es, mehr Wasser zu reinigen, es wiederzuverwenden und Fabriken zur Aufbereitung zu zwingen, sagt Xianfang Song. "Für die Nachhaltigkeit sollten wir es so machen." Aber in China habe man sich eben für ein "großes Projekt" entschieden.

Für die Umweltforscherin Ran Ran von der Renmin-Universität in Peking offenbart das Milliardenbauwerk sowohl Stärke als auch Schwäche der Zentralregierung. "Es gibt sehr strikte Umweltgesetze", sagt Ran, "doch Beamte auf dem Land haben keinerlei Anreiz, sie umzusetzen". Die Politologin spricht von einer "perversen Anreizstruktur", die eine Lücke zwischen Gesetz und Wirklichkeit erzeuge. Befördert wird, wer in seinem Dorf für Umsatz in den Fabriken und Steuereinnahmen sorgt - ein strenger Blick auf den Gewässerschutz lockt jedoch kaum Industrie an. Die Politologin hat in drei Millionenstädten in China untersucht, für welche Vergehen Beamte zur Rechenschaft gezogen werden. "Wegen der Nichteinhaltung von Umweltstandards", sagt Ran, "konnte ich keinen einzigen Fall einer Strafe finden." Um die Wasserverschmutzung in den Griff zu bekommen, sei das Aquädukt gebaut worden. Denn es erscheint bequemer, die Menge statt die Qualität des Wassers zu steuern, meint Ran. "Die chinesische Regierung hat deutlich mehr Macht bei Infrastruktur-Projekten." Hier gibt es wohl Anreize genug mitzumachen, die vielen Bauaufträge an jedem Abschnitt machen nicht wenige Leute reich.

Die Natur: der Feind, der besiegt werden muss

Dabei liegt die Wurzel des Übels wohl in einem veralteten Naturbild. In den Parteischulen weht noch der Geist der Mao-Ära, der die Natur zum Feind erklärt, der besiegt werden muss. Ren Ding Sheng Tian, der Mensch muss die Natur erobern, gab Mao als Parole aus. Die kommunistische Revolution werde auch die Natur radikal umgestalten, verkündete die Partei. "Viele denken das noch heute", sagt Ran.

Ma hat einen alternativen Weg gefunden, dagegen zu kämpfen. Der Umweltschützer deutet auf die Karte an seinem Flachbildschirm. Sie zeigt 31 Provinzen, 300 Städte und 203 000 Umweltvergehen von chinesischen Firmen, säuberlich aufgelistet in einer Datenbank. Welche Fabrik hat gerade illegal Schmutzwasser entsorgt? Wo herrscht Wasserknappheit, wo ist das Wasser gerade besonders dreckig? Auf dieser Karte kann Ma es sehen, so wie jeder Chinese mit Internetzugang - also gut 700 Millionen Menschen.

Mas Mitarbeiter haben die "Verschmutzungskarte" programmiert, die Daten stammen von lokalen Behörden und werden in Echtzeit dargestellt. "Es ist das erste System dieser Art weltweit", erklärt Ma. Vor Kurzem ist eine weitere App fertig geworden, mit der Bürger Verschmutzer melden und in sozialen Netzwerken anschwärzen können. Der Umweltaktivist wischt auf einem iPad herum, ein Countdown von einigen Wochen erscheint. Die tickende Uhr soll Firmen dazu bringen, ihre Produktion zu ändern - ist der Timer abgelaufen und nichts passiert, droht ein weiterer Eintrag. Es der moderne Weg, Umweltprobleme anzuprangern, ohne Megafone und Transparente, sondern mit Daten, Apps, Sozialen Medien und Transparenz. Beim IPE arbeiten viele junge Programmierer und Webdesigner.

Seit Ende 2014 fließt das Wasser durch die mittlere Route bis nach Peking.

(Foto: Claus Davidsen, Technical University of Denmark)

Anfangs bekämpfte der Staat sie dafür. "Öffentliche Partizipation ist in China ein sehr neues Phänomen", sagt Ma. Doch sein System erzeugt Druck. Große Marken wie H & M oder Gap, die in China produzieren lassen, durchleuchten mit den Daten aus der Verschmutzerkarte bereits ihre Lieferkette und erkennen so schwarze Schafe unter ihren Zulieferern. Mehr als 2000 Produzenten sind ihr Abwasserproblem auf Druck der internationalen Marken hin bereits angegangen. "Einige geben sehr viel Geld dafür aus", sagt Ma. "Sie spüren, dass sie sich ändern müssen." Die Erfolge bringen auch staatliche Stellen zum Umdenken. Mittlerweile bezieht die IPE sämtliche Daten von der Regierung - für Ma der beste Beweis, dass die Transparenz für beide Seiten funktioniert. "Unsere Mühen haben die Gesellschaft nicht gespalten. Sie haben geholfen, Probleme zu lösen."

Ferngesteuerte Mini-Boote sollen die schlimmsten Umweltsünder aufspüren

Der Untergang der alten Ideologie vom Kampf gegen die Natur sei nun eingeläutet, hofft Ma. Das Süd-Nord-Aquädukt scheint das letzte Überbleibsel davon zu sein, ein Relikt, das nicht mehr recht in die Zeit passt. "Im besten Fall kann es uns etwas Zeit erkaufen", hofft Ma, damit der Norden sich künftig auf den Schutz der Gewässer konzentriere, statt die Wassermenge auszuweiten. Sonst drohe auf lange Sicht eine schwere Wasserkrise.

Und wenn alles nichts hilft, dann helfen vielleicht Kontrolle und Überwachung, zum Beispiel mit Drohnenbooten. Auf der "Internationalen Messe der Umweltschutz-Industrie" in Peking stehen verschiedene Modelle der Schiffe säuberlich aufgereiht, jedes ein bis zwei Meter lang. Sie sehen aus wie vergrößerte Spielzeugboote, lassen sich fernsteuern, haben ein Mini-Labor im Rumpf, um Wasserproben zu nehmen, und eine Kamera auf dem Dach. "Um Verschmutzer aufzuspüren", erklärt Liu Bohong am Stand der Firma Yinzhou-Tech, die die Schiffchen entwickelt hat. Immer mehr Regierungen chinesischer Teilprovinzen interessierten sich dafür, sagt der Verkäufer. Die Boote könnten quasi direkt vor die Abwasserrohre der Fabriken fahren und Daten sammeln.

Man darf nur nicht den Fehler machen, die Halle zu verlassen und in die nächste zu gehen. Dort findet zeitgleich die "Internationale Kohlemesse" statt, deren Aussteller für all die großen Schaufelräder, Bagger und Bohrköpfe werben, mit denen sich die gerade aufgeräumte Umwelt wieder aufreißen lässt.

© SZ vom 16.04.2016

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