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Artenvielfalt:Fischerei und Artenschutz müssen kein Widerspruch sein

Mehr Meeresschutzgebiete erhöhen auch Fischerei-Erträge

China, Ningbo: Fischerboote verlassen den Hafen Shipu in der Provinz Zhejiang.

(Foto: Zhang Peijian/dpa)

Mehr Schutzgebiete in den Ozeanen würden nicht nur den Tieren, sondern auch der Industrie zugutekommen. Höchste Zeit, umzudenken.

Kommentar von Tina Baier

Fischer und Meeresschützer stehen sich ähnlich unversöhnlich gegenüber wie Corona-Leugner und Lockdown-Befürworter oder wie Trump-Anhänger und Biden-Fans. Die Artenschützer werfen der industriellen Fischerei vor, die Meere leer zu fangen und dadurch das Artensterben unerbittlich voranzutreiben. Die Fischer verweisen darauf, dass sich weltweit Millionen Menschen hauptsächlich von Meerestieren ernähren. Was sollen diese Menschen essen, wenn Fischer nicht mehr fischen dürfen?

Und schon ist man wieder mittendrin im Zielkonflikt zwischen Wirtschaft und Umweltschutz, der auch in vielen anderen Bereichen dafür sorgt, dass letztlich nichts vorangeht.

Wenn man es schlau anstellt, könnte eine Win-win-Situation entstehen

Dabei gäbe es eine Lösung, Fischerei und Meeresschutz unter einen Hut zu bringen, schreiben amerikanische Umweltschützer in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsjournals Nature. Und die heißt: mehr Meeresschutzgebiete.

Die Kunst ist allerdings, diese nicht irgendwo anzulegen, sondern dort, wo sie am meisten bringen. Gelingt das, entsteht eine Win-win-Situation: Die Meeresbewohner können sich in den geschützten Zonen unbehelligt vom Menschen erholen und vermehren. Außerhalb der geschützten Bereiche würden dann bald auch die Erträge der Fischerei ansteigen, schlicht deshalb, weil es wieder mehr Fische gäbe, die ja die Schutzgebiete auch verlassen würden.

Um das zu erreichen, müssten sich allerdings beide Seiten bewegen. Artenschützer müssten einsehen, dass es grundsätzlich kein Verbrechen ist, die Ressource Meer zu nutzen. Und die Fischerei-Industrie müsste einige ihrer Fanggründe hergeben, damit dort Schutzgebiete eingerichtet werden können.

Derzeit stehen weltweit nur sieben Prozent der Meere unter Schutz. Das ist definitiv viel zu wenig. Ziel sollten mindestens 30 Prozent bis zum Jahr 2030 sein. Deutschland scheint das auf den ersten Blick schon erreicht zu haben, immerhin sind 45 Prozent der Nord- und Ostsee als Schutzgebiete ausgewiesen.

Leider ist das nur schöner Schein. Denn in mehr als der Hälfte dieser angeblichen Schutzgebiete darf munter weitergefischt und sogar nach Öl gebohrt werden. Das ist absurd. Unerträglich ist, dass vielerorts nicht einmal besonders umweltschädliche Fangmethoden verboten sind. Große Fischtrawler dürfen mitten in Schutzzonen mit riesigen Grundschleppnetzen den Meeresboden aufreißen und dabei sozusagen als Kollateralschaden alles zerstören, was auf dem Meeresgrund lebt.

Weltweit sieht es nicht viel besser aus. Von den ohnehin erschreckend wenigen Meeresschutzgebieten verdient nur die knappe Hälfte diesen Namen wirklich. Der Weg zu einem effektiven Schutz der Ozeane, die dann auch die Ernährung der Menschen sicherstellen können, ist also noch weit. Umso wichtiger, es jetzt schnell anzugehen.

© SZ
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