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Meereisrückgang:Schmelzender Pol soll Europa kalte Winter bescheren

Der Klimawandel könnte für Europa paradoxe Folgen haben. Wenn das Eis am Nordpol schmilzt, könnten die Temperaturen etwa in Deutschland im Winter empfindlich sinken.

Seit Jahrzehnten bedeckt wegen der globalen Erwärmung immer weniger Eis die Region um den Nordpol. Im September 2012 meldeten Beobachter einen neuen Negativrekord, 2013 und 2014 lagen die Werte wieder höher, aber immer noch am unteren Rand der statistischen Schwankungsbreite. Diese Beobachtung am Ende des Sommers könnte zum Vorzeichen für den Winter in mittleren Breiten von Europa und Asien werden: Je weniger Eis im September, desto kälter wird es womöglich zwischen Dezember und Februar sein. Klimaforscher verfolgen diese These seit Langem, jetzt haben japanische Forscher sie mit Daten unterlegt: Demnach ist es nach einem Sommer mit wenig Eis doppelt so wahrscheinlich, dass ein ungewöhnlich kalter Winter folgt, wie nach einem Sommer mit großer Eisbedeckung in der Arktis.

Das Team um Masato Mori von der Universität Tokio hat die Entwicklung 200-mal mit dem Computer simuliert. Jeweils 100 Modellläufe stellten die Folgen von viel und wenig Eis in der Arktis nach. Vor jedem Start veränderten die Forscher die Anfangsbedingungen ein wenig, um verlässlichere Zahlen zu bekommen. Gleichzeitig wirkt eine solche Ensemble-Kalkulation wie wiederholte Würfe eines Würfels: Am Ende lässt sich die Wahrscheinlichkeit für die einzelnen Ergebnisse bestimmen. Und hier folgte ein besonders kalter Winter bei jeder siebten Simulation mit wenig und nur bei jeder sechzehnten mit viel Eis (Nature Geoscience, online).

Als Grund dafür zeigten die Computerberechnungen vor allem ein sehr stabiles Sibirienhoch auf. Wenig Eis im September veränderte die Zirkulation der Höhenwinde für viele Monate, sodass das Hoch häufiger sozusagen stecken blieb, kaum weiter zog und über viele Wochen kalte Luft aus der Arktis in mittlere Breiten schaufelte. Auf den Karten der Forscher reichte die blau gezeichnete Zone übermäßiger Kälte vom Pazifik bis zur Elbe. Erst im Lauf des Jahrhunderts, so die Japaner, dürfte die Erwärmung der Erde die Tendenz zu kalten Wintern überspielen.

© SZ vom 27.10.2014
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