Süddeutsche Zeitung

Medizin:Motiviert in Trance

Die meisten Menschen halten Hypnose für einen faulen Bühnenzauber: Doch Mediziner setzen die Technik erfolgreich bei Krebspatienten ein.

Von Astrid Viciano

Manchmal erzählt Marie-Elisabeth Faymonville von jener Frau, die im Zoo von einem Löwen gebissen wurde. Ein Steg war unter der Besucherin zusammengebrochen - und plötzlich fand sie sich im Raubtiergehege wieder. Eine der Raubkatzen riss ihr eine tiefe Fleischwunde in den Oberschenkel, eine gravierende Verletzung. Sie habe keine Schmerzen, beteuerte jedoch die Patientin, als sie in der Notaufnahme auf Faymonville traf. "Die Frau hatte sich unwillkürlich selbst in Trance versetzt, um zu überleben", sagt die Narkoseärztin von der Uniklinik in Lüttich, Belgien.

Genau das möchte Faymonville bei ihren Patienten erreichen: dass sie lernen, sich selbst in Trance zu versetzen, sich zu hypnotisieren. Noch immer halten viele Menschen Hypnose für einen faulen Bühnenzauber, nur wenige wissen, dass seriöse Mediziner wie Faymonville die Methode seit Jahren in Kliniken an Patienten erfolgreich anwenden, zum Beispiel nach Operationen, bei Schmerzen oder etwa bei Übelkeit. Gerade erst hat die Medizinerin in einer Studie im Fachblatt BMC Cancer zeigen können, wie Hypnose den emotionalen Stress von Brustkrebspatientinnen reduzieren kann.

Die 68 Probandinnen mit Brustkrebs hatten in Gruppen gelernt, sich selbst in Hypnose zu versetzen. Nach sechs Sitzungen waren die Patientinnen weniger ängstlich sowie weniger depressiv und konnten außerdem besser schlafen als die Studienteilnehmerinnen in der Kontrollgruppe. Insgesamt hatte sich ihr körperliches und psychisches Befinden verbessert.

Patienten mit Prostatakrebs hilft Hypnose nicht, sie haben andere Sorgen als Stressreduktion

Allerdings musste Faymonville auch feststellen, dass Hypnose nicht allen Krebspatienten hilft. Sie hatte für ihre Studie die Brustkrebspatientinnen zudem mit Männern mit Prostatakrebs verglichen. Im Gegensatz zu den Frauen, erlebten die männlichen Patienten nach Erlernen der Selbsthypnose keinerlei Verbesserung ihres Zustands. "Das lag daran, dass sie vorher nicht besonders gestresst waren", erklärt die Ärztin. Die Patienten wussten, dass sie nach dem Entfernen des bösartigen Tumors wahrscheinlich wieder wohlauf sein würden. Sie wünschten sich eher Informationen über den Eingriff sowie über seine Folgen für die Sexualfunktion oder über Inkontinenz. Techniken zur Verbesserung ihres Gemütszustands waren ihnen hingegen nicht besonders wichtig, berichtet Faymonville.

Daher sei es bedeutsam, genau hinzusehen, welche Patientengruppen welcher Therapiemethoden bedürfen. Besonders bei Krebspatienten möchte das Faymonville noch genauer untersuchen. "Nur wenn die Patienten motiviert sind, Hypnose zu lernen, hilft die Methode auch", bestätigt die Anästhesistin Aurore Marcou vom Institut Curie in Paris die Ergebnisse.

Die französische Medizinerin hat gerade selbst auch eine Studie zu Brustkrebspatientinnen vorgestellt, auf dem Kongress Euroanaesthesia in Kopenhagen. Alle Probandinnen ihrer Studie waren bereits wegen ihrer Tumorerkrankung operiert worden, allerdings nicht, wie üblich, unter Vollnarkose. Stattdessen erhielten sie nur eine lokale Betäubung - und wurden unter Hypnose gesetzt. Wie die Befragung ergab, waren fast alle Patientinnen damit sehr zufrieden. "Es ist schön, dass Hypnose nun auch in der Krebschirurgie eingesetzt wird", sagt Faymonville.

Sie selbst hat als Narkoseärztin ihre Patienten jahrelang mit Hypnose durch chirurgische Eingriffe begleitet. Erst waren es nur kleine Operationen, später auch größere Eingriffe. Nun aber konnte Marcou zeigen, dass ein Eingriff unter Hypnose auch bei Brustkrebs angenehm ist für die Patientinnen wie übrigens auch für die operierenden Chirurgen.

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Quelle:
SZ vom 10.07.2018
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