Meditation Erst viele Monate Training zeitigen dauerhafte Effekte

Ein großes Problem der Meditationsforschung ist, dass Wissenschaftler nicht überprüfen können, was in den Köpfen der Studienteilnehmer tatsächlich vor sich geht. Sie wissen nicht, ob die Probanden wirklich meditieren oder ob sie nur tagträumen - oder sogar schlafen.

Noch mehr Schwierigkeiten birgt die Kontrollgruppe. Um die Wirksamkeit einer Therapie nachzuweisen, werden die Teilnehmer medizinischer Studien üblicherweise in zwei Gruppen gelost. Die eine erhält den Wirkstoff, die andere ein Scheinmedikament. Kein Beteiligter weiß, wer in welcher Gruppe ist. Beim Meditieren weiß der Proband aber, was er tut und was das Ergebnis sein soll. Fühlt er sich nachher entspannter, könnte das der Kraft der Suggestion geschuldet sein.

Singer hat sich in ihrer Studie deshalb gegen eine Kontrollgruppe entschieden: Beide Gruppen, die sie miteinander vergleicht, meditieren. Aber während die eine Gruppe drei Monate Achtsamkeitsmeditation praktiziert, lernt die andere, "ihr Herz zu öffnen und Mitgefühl zu entwickeln". Beide erfahren also den gleichen Einfluss von Lehrern und Programm, nur der Fokus des Trainings unterscheidet sich. "Wenn wir die beiden Gruppen dann miteinander vergleichen, schauen wir uns also nur an, was der spezifische Effekt der jeweiligen Meditation ist." Auf Fachkonferenzen hat Singer bereits erste Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt. "Wir finden tatsächlich Unterschiede zwischen den beiden Gruppen, und zwar ziemlich deutliche", sagt sie.

Allerdings braucht das alles seine Zeit.

Manche Veränderungen des Körpers, die etwa auf eine Stressreduktion hinweisen, setzten erst nach sechs Monaten Training ein. "Das mag lang klingen, aber ich erwarte ja auch nicht, dass ich in einen Fitnessklub gehe und nach acht Wochen einen straffen Körper habe", sagt Singer. Tatsächlich meditieren buddhistische Mönche häufig Zehntausende Stunden, bevor sie ihren Geist wirklich unter Kontrolle haben und tief greifende Erfahrungen machen - zum Beispiel die, dass sich ihr Ich auflöst.

Doch geht es Tania Singer ja auch nicht um individuelle Erleuchtungserfahrungen, sondern letztlich um eine bessere Welt. Das von ihr konzipierte mentale Training, so sagte sie kürzlich bei einem Vortrag in Davos, soll es "Gesellschaften ermöglichen, ihr Mitgefühl zu kultivieren und eine neue Art solidarischer Volkswirtschaften aufzubauen". Sie arbeitet deshalb bereits am Aufbau eines Instituts, an dem auch Privatleute ein neunmonatiges Training absolvieren können. "Es geht mir darum, dass nicht nur Klavier und Sport und Mathematik trainiert werden, sondern auch menschliche Fähigkeiten, die total wichtig sind: an andere zu denken, mit anderen mitzufühlen. Das ist kein Luxus in unserer Welt, sondern dringend nötig."